Mittwoch, 22. November 2017

Fake Heavens V — Die Leuchtkörper an der Himmelsfeste



Fake Heavens V —  Die Leuchtkörper an der Himmelsfeste

1. Leuchtkörper — luminaria — me’orot

Wie bereits erwähnt, stellt uns der Schöpfungsbericht der Genesis Sonne, Mond und Sterne als Leuchtkörper, als „me’orot“, also als Leuchten,  die nicht Licht reflektieren, sondern selbst spenden, dar. Noch die Vulgata übersetzte dieses Wort korrekt als „luminaria“ (von lat. „luminarium“). „Luminaria“ sind Lampen, Leuchten, Leuchtkörper, dazu ausersehen, etwas zu bestrahlen, zu beleuchten oder zu erhellen.
Ihr Ort ist ihnen von Gott „an“ der Himmelsfeste zugewiesen worden. Ihre Aufgabe ist grundsätzlich, „ut luceant in firmamento cæli, et illuminent terram“ (Gen 1, 15), dass „sie am Firmament des Himmels leuchten und die Erde illuminieren.“
Wir kennen in den letzten Jahrzehnten das neue artistische Metier des „Lichtkünstlers“. Im Wikipedia-Artikel finden wir dazu folgende Charakterisierung:

„Zeitgenössische Lichtkünstler arbeiten vor allem mit künstlichem Licht als Lichtquelle. Von Lichtkunst kann nur dann gesprochen werden, wenn der Einsatz von Lichtquellen ästhetischen Zwecken dient. Das trifft in aller Regel nicht auf Installationen zu, deren Zweck es lediglich ist, Gegenstände im Dunklen durch Beleuchtung sichtbar zu machen, oder die einen profanen Zeichencharakter haben (wie die Farblichter in Verkehrsampeln), sowie auf kommerzielle Leuchtreklame, die nicht den Rahmen konventionellen Designs sprengt. Die meisten Werke der Lichtkunst benötigen zur Entfaltung ihrer vollen Wirksamkeit die weitgehende Abwesenheit von natürlichem (Tages-)Licht und von konkurrierenden künstlichen Lichtquellen.“[1]

Was den Genesis-Bericht betrifft, ist kein Zweifel möglich: Die Beschreibung sagt uns, dass sie nicht irgendwo in Lichtjahren Entfernung in einem „Affentempo“ auf geheimnisvollen Ellipsen- oder Spiralbahnen herumschwirren (warum sollten sie das überhaupt tun?!) und dabei auch nebenbei leuchten oder reflektieren, sondern allesamt fest am Firmament stehen bzw von Gott befohlene Wege gehen müssen und dort ihre Aufgabe erfüllen, nämlich die Erde hell zu machen. Ihre Wege, das Hin und Her, oder auch Kreisbewegungen aller auf eine je eigene Weise, wurden von alters her am Firmament gedacht und müssen nicht Ellipsen um die Erde oder die Sonne bedeuten. In einer eindrücklichen und schlüssigen Weise analysiert das äthiopische Henochbuch diese Wege — auf einer flächig gedachten Erde, die umgeben ist von verschiedenen „Toren“, durch die die Gestirne ein und ausschwärmen. Es gibt keinen Grund, ein solches Modell zu belächeln. Die „Leuchten am Firmament“ sind funktional zu verstehen, aber auch „künstlerisch“, denn sie illuminieren dieselbe Welt auf zwei prinzipiell unterschiedliche Weisen, und diese beiden Weisen haben eine unendliche Zahl an jeweiligen Ausgegestaltungsmöglichkeiten. Kein Tag auf dieser Welt wiederholt sich, was die Beleuchtungsszenerie betrifft. Keine Nacht auf dieser Welt gleicht in ihrer Illumination der anderen. Die Sonne und der Mond werden gleichberechtigt benannt. Die Sonne ist etwas größer und alleinstehende Führerin des Tages, der Mond ist etwas kleiner, aber von einem Heer an Sternen umgeben der Führer der Nacht (Gen 1, 16). Die Sterne werden in der Schrift gelegentlich mit den Heerscharen assoziiert, die Gott um sich herum hat. Sterne repräsentieren auch Heilige.  
Qui autem docti fuerint, fulgebunt quasi splendor firmamenti : et qui ad justitiam erudiunt multos, quasi stellæ in perpetuas æternitates.“ (Dan 12, 3) — „Die aber verständig sind, funkeln wie der Glanz des Firmaments : und die viele zur Gerechtigkeit geführt haben, funkeln wie die Sterne in alle Ewigkeit.“
Und damit auch niemand diese Ordnung missverstehe oder umdeute, wiederholt der Autor der Genesis sie noch einmal abschließend in V 17 f: „Et posuit eas in firmamento cæli, ut lucerent super terram, et præessent diei ac nocti, et dividerent lucem ac tenebras.“ — „Und Gott setzte sie an das Firmament des Himmels, damit sie über die Erde leuchten und dem Tag und der Nacht vorstehen („praeesse“) und das Licht von der Finsternis scheiden.“
Diese Stelle lässt erahnen, dass es auf der Erde eigentlich gar keine absolute Finsternis mehr geben sollte, denn auch die Nacht wird auf Geheiß Gottes und unter der Regierung des Mondes und seiner vielen Sterne hell erleuchtet. Das ist ein außerordentliches und merkwürdiges Phänomen: Obwohl ein Nachthimmel vollständig erleuchtet ist von Myriaden von Sternen und dem oft fast stechenden Mondlicht, wirkt die nächtliche Beleuchtung wie „heruntergedimmt“, aber glasklar. Das Mondlicht scheint darüber hinaus kühlende Wirkung zu haben.[2] Das Volk hat es allgemein mit dem Glanz des Silbers in Verbindung gebracht: fein, kühl, „betagt“ oder sogar „ewig“.
Die Nacht mit dem Mond und den Sternen stellt etwas wie eine Ahnung des kommenden Reiches Gottes dar. Gott zeigt dem Abram den Nachthimmel und verheißt ihm geistliche Nachkommen in der unzählbaren Menge der Sterne, die er am Nachthimmel sieht:
„Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“ (Gen 15, 5)
Es deutet sich etwas von Gott selbst an, zu dem der Mensch Ebenbild ist, dem Gott, der selbst nicht einfach, sondern dreifältig ist und der „Jhwh Z’wa’ot“ ist, im liturgischen Gebrauch und Schriftübersetzungen transkribiert „Herr Gott Zebaoth“ oder „Deus Sabaot“ genannt. Gelegentlich wird dieser Gottesname als „Herr der Mächte“, als „Pantokrator“, „Herr der Heerscharen“ oder „Allherrscher“ übertragen.
Doch was bedeutet das?
Das hebräische „zawa“ ist das „Heer“, die „Armee“. Die moderne israelische Armee heißt abgekürzt „zahal“, gebildet aus „z’wa hahagana le Jisrael“ (Armee der Verteidigung Israels). Der Mond mit seinen unzählbaren Sternen erinnert an diesen Gott, der umgeben ist von unzählbaren Mächten, denen er befiehlt, ja, die er manchmal auch in scheinbarer Abwesenheit („Neumond“) am Himmel stehen lässt. Abram und Sarai sollen ebenfalls so viele Heerscharen an Nachkommen haben und dabei Gott abbilden. Der Begriff des „Herrn der Heerscharen“ taucht im Pentateuch noch nicht auf, sondern erst später, als die Verheißung an Abram und Sarai sich erfüllte und aus ihnen Abraham und Sara gemacht hat. Es ist interessant, dass Gott Sarai umbenennt in „Sara“ — ein hebräischer „Sar“ ist ein Feldherr und General, der über ein Heer befiehlt. Die Metaphorik für Gott als Befehlshaber über Heerscharen schließt hier konkret die Frau mit ein. Es kommt nicht von Ungefähr, dass Gott dem Abram dies anhand des Nachthimmels vor Augen führt, was er ihm verheißt und worin er ihm auch mitteilt, inwiefern er ihn und mit ihm (denn Gott nennt ihn „Vater der vielen“) wieder restauriert wird als Ebenbild Gottes.
In tiefer Nacht sehen wir Abram hier, in seiner Frau unfruchtbar, es ist der Beginn der Heilsgeschichte aus tiefer Finsternis und Lähmung durch die Sünde. Die Nacht aber hat Gott in seiner Güte von Anfang an mit Myriaden von Lichtern übersät, uns zum Trost und zur Aussicht darauf, dass diese nicht zählbare Licht-Kulisse aufgehen wird, bis der Erlöser selbst als einer dieser Sterne ins Fleisch kommen würde:

 17 Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. Er zerschlägt Moab die Schläfen und allen Söhnen Sets den Schädel. (Numeri 24, 17)

Man beachte dies: es ist nicht die Sonne, nicht der scheinbar gleißend helle Tag, die Sinnbild der Verheißung sind, sondern die „über-sternte“ Nacht. Engel und Menschen werden daher im AT immer wieder als „Sterne“ bezeichnet. Wie in einem früheren Aufsatz bereits erarbeitet, stellt das AT in mehrfacher Hinsicht eine radikale Absage an jeden Sonnenkult dar, eine Ausgangslage, der die Kirche irgendwann leider Adieu gesagt und eine ungute Vermischung erzeugt hat!
Die dringlichste Stelle im AT ist die, an der im Sturz des Königs von Babel der Engelsturz des Satans beschrieben scheint:

12 Ach, du bist vom Himmel gefallen, du strahlender Sohn der Morgenröte. Zu Boden bist du geschmettert, du Bezwinger der Völker.
13 Du aber hattest in deinem Herzen gedacht: Ich ersteige den Himmel; dort oben stelle ich meinen Thron auf, über den Sternen Gottes; auf den Berg der (Götter-)versammlung setze ich mich, im äußersten Norden.
14 Ich steige weit über die Wolken hinauf, um dem Höchsten zu gleichen.
15 Doch in die Unterwelt wirst du hinabgeworfen, in die äußerste Tiefe. (Jes 14)

Der „strahlende Sohn der Morgenröte“ wurde in der Vulgata als „Lucifer“ übersetzt, als der „Morgenstern“ — von daher kommt die Engführung des Verständnisses des Begriffes „Lucifer“ im späteren Mittelalter. Die erwähnten „Sterne Gottes“ sind Engelwesen. Die Erzählung spielt sich buchstäblich in dem Raum ab, der in der Schöpfungsgeschichte vorgestellt wird.

Die Langatmigkeit und die Wiederholungen der Ereignisse des vierten Schöpfungstages sagen uns, dass das, was da beschrieben wird, unter keinen Umständen umgedeutet werden darf: so ist es, wie beschrieben, und keinen Deut anders. Warum die Kirche sich darüber hinweggesetzt hat, ist schwer zu verstehen.
Doch was wird uns noch gesagt über die Gestirne?


2. Himmelskörper als „horologium“ und „Zeit-Zeichen“

Leicht überliest man, dass bereits der Schöpfungsbericht in V 14 uns sagt, die Gestirne seien „Zeichen“: „…dividant diem ac noctem, et sint in signa…“ — „…sie sollen Tag und Nacht scheiden, und sie sollen Zeichen sein…“. Im hebräischen Text ist die Rede von „otot“, von „Zeichen“. Ein „ot“ ist ein Zeichen, das etwas anzeigt und im Zeichensein seinen Charakter hat. Die Gestirne zeigen nach V 14 Zeiten („mo’adim“), Tag und Nacht und Jahre an, aber sie sind im weiteren Verlauf der Heiligen Schrift auch Vorzeichen und Warnzeichen für Apokalyptisches. Was die Vulgata neutral als „tempora“ übersetzt, birgt im Hebräischen einigen Zündstoff: „mo’ed“/“mo’adim“ — das sind zwar auch Festzeiten, aber es sind im wesentlichen gesetzte Fristen, Termine für Versammlungen und Gerichtstage, Anzeiger der Heilszeit und des Gerichtes. Vom selben Stamm wie „mo’ed“ kommt das Adjektiv „mu’ad“, das „gewarnt“ bedeutet. Es zeigt sich in diesem Wort nicht ein Kreislauf der Zeiten an, sondern im weitesten Sinne eine „sich erfüllende Zeit“, die nicht unendlich gedacht wird ohne Sinn und Verstand oder als bloße Bewusstseinsverfassung des Menschen angenommen wird, sondern als Zeitraum, als Vollzugsmedium, innerhalb dessen Gottes „Drama“ abläuft, das sich in der Bewegung der Gestirne mitvollzieht und „abzeichnet“. Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber übersetzte diesen V 14 so: „Leuchten seien… daß sie werden zu Zeichen, so für Gezeiten, so für Tage und Jahre…“.[3] Diese „Zeitzeichen“ der Gestirne sind quasi eine Bühnenbeleuchtung und werden eines Tages abgeschaltet werden, wenn alle aus dem Theater hinaustreten und seine Mauern abgebrochen werden.

Die „Zeit-Zeichen“ der Gestirne, die „otot“, sind für das gesamte Äon eine große, genial gestaltete „mechanische Uhr“, ein „horologium“, das liebevoll und prächtig gestaltet ist und unermüdlich abläuft wie ein Werk, das aufgezogen wurde und abläuft. Aber es ist nicht nur das. Es spricht am Ende durch den Ausbruch aus dieser Regelmäßigkeit auch von der baldigen Ankunft des Menschensohns.

Der Apostel Paulus spricht im Galaterbrief 4, 4 von der „Fülle der Zeiten“, der „plenitudo temporis“. Die „plenitudo temporis“ spricht hier vom Heilsereignis der Geburt des Sohnes Gottes aus einer Frau. Im Epheserbrief 1, 10 ist ebenfalls die Rede von der „plenitudo temporis“:

9 … notum faceret nobis sacramentum voluntatis suæ, secundum beneplacitum ejus, quod proposuit in eo,
10 in dispensatione plenitudinis temporum, instaurare omnia in Christo, quæ in cælis et quæ in terra sunt.

„… er hat uns das Geheimnis seines Wollens angezeigt, gemäß seinem Wohlgefallen, das er zur Verwaltung der Fülle der Zeiten bekannt gemacht hat, um in Christus alles wieder aufzurichten, was im Himmel und auf Erden ist.“

Die „plenitudo temporis“ ist „erfüllte Zeit“, „erfüllte Frist“, so wie biblisch davon gesprochen wird, es sei „die Stunde“ für etwas „gekommen“ — fürs Gebären vor allem, aber auch fürs Sterben oder auch für das öffentliche Wirken Jesu auf der Hochzeit zu Kana (Joh 2, 4): „Nondum venit hora mea.“ — „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“
Die „erfüllte Frist“ annulliert tatsächlich die Zeit davor in ihrer Prozessualität. Was sich in ihr erfüllte, ist zu seinem Ziel gekommen und lebt im erfüllten Ziel weiter. Sie selbst aber als „Medium“ der Vergangenheit „ist nicht mehr“.
Diese dunkle und glückselige Ahnung an das „Ewige“ kennt man aus der Art und Weise, wie wir musizieren und Musik hören: Wir hören sie, obwohl sie sich prozesshaft entfaltet unter unseren Händen, und in unserem Bewusstsein erscheint sie doch als „eines“, man hört am Ende immer noch den Anfang und alles, was aus ihm folgte, und nichts in einem Musikstück ergibt Sinn, das sich nicht zwingend vom ganzen her erschließen müsste, auch dann, wenn wir dieses Ganze „noch nicht“ völlig „zu Ende“ gehört oder gespielt haben. Haben wir es aber zu Ende gespielt oder gehört, ist das Stück nur eben diese „eine“. Wir nehmen es nicht primär als etwas wahr, das gerade noch erklingt und zugleich in der Vergangenheit läge, sondern als ewige Gegenwart.

Die Geburt Jesu, diese sich erfüllende Zeit, wird durch Gestirnzeichen angekündigt. Nur ein Kriterium macht einen Menschen zum Menschen: dass er von einer Frau geboren wird. Gottes Annahme unserer Natur kann sich nur darin Ausdruck geben, dass er von einer Frau geboren wird. Man hat daher Maria nicht zu Unrecht ebenfalls mit einem Gestirn gleichgesetzt („stella maris“ — der Nordstern/Polaris bzw. Orientierungsstern der Schiffsleute und das Zentrum, um den sich der gesamte Gestirnehimmel dreht). Es ist tatsächlich so, dass die Heilsgeschichte und die Berufung des Menschen, an ihr mitzuwirken, in dieser großen Rolle der Menschwerdung Gottes durch die Mithilfe der Frau ihre Erfüllung findet. Die Geburt des Sohnes Gottes ins Fleisch findet wie die Vision Abrams über seinen Nachkommen in der Nacht und unter Begleitung von nächtlichen Himmelszeichen statt.
Wir alle kennen die Geschichte von den Weisen aus dem Osten, die aufgrund einer nicht bekannten Quelle wussten, dass ein göttlicher König im Heiligen Land zur Welt kommen würde, und reisten diesem Himmelszeichen nach, bis es den genauen Ort des Kindes in der Krippe anzeigte (Mt 2). Sie sehen den Stern zu Hause und machen sich unverzüglich auf den Weg (V 2): „Vidimus enim stellam ejus in oriente, et venimus adorare eum…“ — „Wir haben seinen Stern im Osten gesehen, und kommen nun, ihn anzubeten.“ Aus dem Kontext ergibt sich, dass es sich um einen Stern handeln muss, der erst aktuell „aufgegangen“ ist. Fast alle deutschen Übersetzungen übertragen daher mit „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen…“. Zacharias preist den Herrn, nachdem seine Zunge gelöst wurde, weil nun der verheißene „oriens ex alto“ kommt, der „Morgenstern aus der Höhe“ (Benedictus). Christus wurde mit diesem „Oriens ex alto“ identifiziert und in der frühen Kirche daher auch „lucifer“ genannt (Morgenstern). Wir finden den Begriff in der Vulgata, die damit den Morgenstern, an einer Stelle aber auch den Engel, der vom Himmel stürzte meint (s.u., Jes 14, 12) oder einmal in den Petrusbriefen:
„Et habemus firmiorem propheticum sermonem : cui benefacitis attendentes quasi lucernæ lucenti in caliginoso donec dies elucescat, et lucifer oriatur in cordibus vestris.“ (2. Petr 1, 19) — „Wir haben die noch sicherere Predigt der Propheten: tut gut daran, sie zu beachten wie ein Licht einer Lampe in der Düsternis, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgehen wird.“

Erst in der Literatur des hohen und späten Mittelalters wird der Begriff „lucifer“ ausschließlich mit dem Satan identifiziert, nachdem sich in der Theologie komplizierte Engellehren etablieren konnten, die nicht nur aus biblischen Quellen stammen, was einige Verwirrung angerichtet hat: manche Evangelikale glauben aus diesem Grunde, die Kirche bete im österlichen „Exsultet“ oder in der lateinischen Bibel den Teufel an.
Dass der „oriens ex alto“, der „lucifer“, „aus dem Osten“ her kommt, als „Orientierungsstern“, gehört mit zur Bedeutung des „oriens“. Er wird in der römischen Antike gleichgesetzt mit der Venus, die einmal als Morgenstern, einmal als Abendstern aufgeht, seltener auch mit der Sonne, also merkwürdig doppeldeutig ist. Die Venus kündet in der Morgendämmerung den baldigen Aufgang der Sonne und in der Abenddämmerung den Aufstieg des Mondes mit den vielen Sternen. Sie kündet immer Licht und alles Gestirnelicht — das Sonnen-, Mond- oder Sternenlicht. Sie weist uns darauf hin, dass die Nacht nicht wirklich finster ist, weil Gott sie uns vom Mond und Myriaden von Sternen erleuchten lässt, wie „heruntergedimmt“, damit der Leib sich entspannen kann, aber ganz finster ist es nicht, es sei denn die Wolken-Zeichen der Urflut bedecken den freien Blick ins Firmament. Es ist buchstäblich so, wie der Psalmist es sang: „Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, die Nacht leuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis.“ (Ps 138/139)
Erst in der klaren Nacht erkennt der Mensch handgreiflich, wo er steht und welche Hoffnung er haben darf. Der helle Tag mag ihn über sich selbst und seine Lage blenden. Die Nacht lässt ihn ahnen, worauf er hofft.
Die Sterndeuter aus dem Osten sind gewissermaßen der lebendige Beweis dafür, dass dieser Stern in einer auffallenden oder astrologisch besonderen Konstellation am Himmel stand, weil er im Osten aufging und im Osten, wo alles Licht aufgeht, zuerst gesehen wurde und später nach Westen wanderte. Man hat oft diesen Stern mit einem Kometen oder einem außergewöhnlichen zusätzlichen Himmelsphänomen gleichgesetzt. Viele neuzeitliche Gelehrte haben schon versucht, dieses Himmelsphänomen zurückzuverfolgen und konnten bis heute im Rahmen des heidnisch-neuzeitlichen Weltbildes und Kalenders (!) nicht mit Gewissheit und Übereinstimmung der politischen Rahmenbedingungen, die die Evangelien nennen, rekonstruieren, was das gewesen sein könnte. Eine scheinbar „normale“ Venuserscheinung wäre nichts Besonderes gewesen. Es gibt weder einen bekannten Kometen noch eine Planetenkonjunktion, auf die zu diesem Zeitpunkt die beschriebene Phänomenologie präzise zutreffen kann. Auch kennen wir keine weiteren antiken Berichte über eine besondere Erscheinung (der Venus) zum präzisen Zeitpunkt der Herrschaft des Herodes. Die Erscheinungen in den Jahren vor und nach den Terminen, die das NT uns gibt, müsste uns dazu zwingen, diese Termine zu korrigieren.
Vielleicht handelt es sich tatsächlich um etwas, das nur die Sterndeuter gnadenhaft sehen konnten?
Die Sterndeuter berichten, dass sie im Osten einen Stern hätten aufgehen sehen, der für sie nach ihren Erkenntnissen bedeutet, dass in Israel ein göttliches Kind geboren worden sein muss. Nach dem langen Weg nach Westen gehen sie zum König Herodes und den Gesetzeslehrern der Juden und fragen nach, wo wohl der neue König sein könnte. Man gibt ihnen den richtigen Ort, nämlich Bethlehem, an, weil man die Schrift kennt, aber die Rabbis glauben selbst trotz aller Gelehrsamkeit nichts, und Herodes hat nur Angst davor, dass der wahre König der Könige ihm den Rang ablaufen könnte und schmiedet umgehend Mordpläne. Er erkundigt sich nach dem genauen Zeitpunkt der Erscheinung des Sterns bei den Weisen. „Qui cum audissent regem, abierunt, et ecce stella, quam viderant in oriente, antecedebat eos, usque dum veniens staret supra, ubi erat puer. Videntes autem stellam gavisi sunt gaudio magno valde.“ (V 9 f) — „Als sie den König hörten, machten sie sich auf, und siehe, der Stern, den sie im Osten gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stehenblieb, an dem der Knabe war. Als sie aber den Stern sahen, wurden sie von übergroßer Freude erfüllt.“
Sie hatten den Stern offenbar einige Zeit lang nicht mehr gesehen. Die Gesetzeslehrer mussten aussprechen, wo der Messias der Prophetie gemäß geboren werden würde und es den Heiden bestätigen. Danach sahen die Weisen aus dem Morgenland den Stern wieder. Es wird uns nicht berichtet, dass außer ihnen noch jemand diesen Stern wahrgenommen hätte.
Wer war der Stern? Und wie kann ein weit am Himmel entfernt stehender Stern exakt auf ein Haus in einem Dorf auf der Erde zeigen?
War es vielleicht gar nicht die Venus, sondern ein Stern, der bisher nicht in Erscheinung getreten war? Anstatt nun dem Trugschluss zu verfallen, dann habe es ihn auch nicht gegeben und sei eine Erfindung des Evangelisten oder ein subjektives „inneres Erlebnis“ der Weisen, oder die Datierung der Geburt Jesu müsse falsch sein, die das NT uns angibt, könnte man bedenken, dass der Stern vielleicht einmalig von Gott selbst beauftragt worden war, aufzugehen, um diese Männer nach Bethlehem zu führen. Ein kleiner, unbedeutender Stern in den Myriaden von Sternen am Firmament, der nie aufgefallen war, wurde vielleicht für einen Augenblick, der aber die „plenitudo temporis“ bedeutete, in den Vordergrund gerufen, nur berufenen Augen sichtbar, um diese wichtige Mission zu erfüllen. Oder aber der Stern war wirklich die Venus, der Morgen- und Abendstern, aber in einer für die Sterndeuter außergewöhnlichen Sternenkonstellation, vom Rest der Gelehrten nicht beachtet?
Die Heidenchristen haben diesen Stern im einfachen und innigen Glauben immer besonders geliebt, künstlerisch ausgestaltet und in ihren Liedern besungen. Alle Kinder malten noch in meiner Kindheit den Stall in Bethlehem und diesen wunderbaren großen Stern darüber. Der Weihnachtsstern war und ist der besondere Stern der Heiden, die ins Heilige Land gerufen wurden und nach dem Willen Gottes zeitgleich mit den Juden erfassten sollten, dass die Erlösung nun zum Greifen nah gekommen war für die ganze Welt, über die der Himmel ausgespannt ist. Der Stern von Bethlehem ist das größte und schönste Himmelszeichen in der Heilsgeschichte. Manche setzen diesen Stern mit dem Sternbild Jungfrau bzw. Maria gleich, weil sie es war, die als Mutter des Erlösers ihm selbst vorausging. Verschiedentlich deutete man diesen Stern als Wegweiser für die Heidenvölker analog zur Feuersäule, die die Israeliten ins Gelobte Land führte.
Aber es gibt noch andere solche Zeichen in der Heiligen Schrift, und die meisten davon sollen erst zukünftig erscheinen. Doch sehen wir erst einmal in die Vergangenheit:

Die apokalyptische Schlacht zwischen den Israeliten und einer Allianz mehrerer Kanaaniter-Könige, die Josua 10 berichtet, weist gleich mehrere Himmelszeichen auf. Der Einzug der Israeliten ins Gelobte Land stellt eine wichtige Zäsur in der Heilszeit dar. Gott habe selbst vom Himmel her Steine auf die Feinde geworfen, einen Hagelsturm, sein Kampf mit himmlischen Steinen gegen die Kanaaniter sei wesentlich umfangreicher gewesen als alles, was die Israeliten mit ihrem kriegerischen Können vermocht haben. Josua habe Gott gebeten, sowohl die Sonne, als auch den Mond etwa 24 Stunden lang still stehen zu lassen, was Gott einmal in der Weltgeschichte auch gewährt habe, um diesen wichtigen Kampf zum guten Ende zu bringen. Dem abendländischen Heidentum der frühen und späteren Neuzeit gibt dieser Bericht Rätsel auf, denn in einem Weltbild, in dem Kugeln umeinander kreisen und die Sonne womöglich der ruhende Mittelpunkt ist, und der Mond um die Erde umläuft, ergibt dieser Bericht kaum Sinn. Stillstehen könnte hier nur die Erde samt dem Mond. Es wird aber andersherum erzählt. Nur eine flache Erde, über der Sonne und Mond in gegenseitiger Abhängigkeit zueinander ziehen, kann ein solches Phänomen plausibel machen. Andernfalls hätte hernach der ganze Kosmos durcheinander sein müssen. Nur wenn die Erde Mittelpunkt des Kosmos ist, ist dieses Ereignis vorstell- und nachvollziehbar. Den Autoren des Textes, wie es vielfach geschieht, zu unterstellen, sie seien zu unbedarft gewesen, um zu „wissen“, dass ein solcher Sonnen- und Mondstillstand unmöglich sei, weil sie noch nicht „erkannten“, wie das All aussieht, ist unzulässig. Es handelt sich um einen Bericht, der zwar poetisch verarbeitet ist, dessen Faktenerzählung deswegen aber auf keinen Fall unterschätzt werden darf:

„12b Sonne, bleib stehen über Gibeon und du, Mond, über dem Tal von Ajalon!
13 Und die Sonne blieb stehen und der Mond stand still, bis das Volk an seinen Feinden Rache genommen hatte. Das steht im «Buch des Aufrechten». Die Sonne blieb also mitten am Himmel stehen und ihr Untergang verzögerte sich, ungefähr einen ganzen Tag lang.
14 Weder vorher noch nachher hat es je einen solchen Tag gegeben, an dem der Herr auf die Stimme eines Menschen gehört hätte; der Herr kämpfte nämlich für Israel.“ (Jos 10, 12)

Die Herrschaft Gottes über die Sonne und den Mond zielt hier darauf ab, dass Israel sich angesichts dieser Ereignisse darüber vergewissern darf, dass der mächtige Gott auf seiner Seite steht, denn niemandem sonst gewährte der Schöpfer diese Machtdemonstration. Erneut setzt sich diese Stelle eindringlich gegen jegliche Verehrung der Gestirne, insbesondere der Sonne, als Gottheit ab.[4]
Es gibt überhaupt keinen Grund, die Wahrheit und buchstäbliche Richtigkeit dieser Erzählung anzuzweifeln. Es ist so Jahrhunderte und Jahrtausende lang tradiert worden, ohne dass sich einer daran gerieben hätte. Warum sollten Menschen früherer Zeitalter uns an Realismus unterlegen sein? Es wird als Wunder, als singuläres Ereignis beschrieben und zeugt alleine schon dadurch von einem völlig normalen Wirklichkeitssinn, der solcherlei Dinge eben im Normalfall ausschließt. Ähnlich ist es mit der Jungfräulichkeit Mariens, die heute hartnäckig und nahezu panisch geleugnet wird, obwohl sie zentrales Bekenntnis der Kirche immer war: warum sollte diese Information falsch sein, wo doch der Evangelist Lukas die Jungfrau Maria selbst dem Engel Gabriel sagen lässt, sie verkehre doch nicht mit Männern und könne darum auch nicht schwanger werden, worauf der Engel ihr eine singuläre, außerordentliche Situation ankündigt. Auch hier zeugt die Beschreibung doch von einem gesunden Realitätsbewusstsein, das sogar ausgesprochen kritisch gegenüber Wundern oder Aberglauben wirkt. Nach den Gesetzen der Logik ist es unmöglich, eine singuläre Abweichung von allgemeiner Erfahrung auszuschließen. Wenn Jungfrauen ohne Mann nicht schwanger werden, kann doch eine entsprechende Allaussage niemals garantieren, dass nicht doch eines Tages eine Ausnahme geschieht, die Allaussage aber grundsätzlich weiterhin gilt. Allerdings widerspricht es jeder Logik, etwas zu behaupten und zur Allaussage zu machen, das buchstäblich im „luftleeren Raum“ hängt und keinerlei empirische oder philosophische Begründung aufweisen kann, die zwingend oder notwendig ist.
Warum sollte also diese Erzählung des Stillstands der Sonne und des Mondes  nicht gelten, nur weil vor 500 Jahren plötzlich einige kamen und behaupteten, es sähe da draußen im „Weltraum“ ganz anders aus, ohne das je bewiesen zu haben? Das eine ist die lebendige Erfahrung der Israeliten mit Gott, die sie tradieren, das andere eine reine Theorie ohne jede Erfahrung und Nachweis, der man nach dem Motto „Was nicht sein kann, das nicht sein darf“ unterpflügt, was einem nicht passt und was man damit vielleicht annullieren will. Wir mögen unsere Phantastereien über das All tausendmal zeichnen, in Computeranimationen und Hollywoodfilmen vor Augen stellen und einer hybriden „Wissenschaft“ immer weiter ausmalen — es gibt nicht eine einzige, jedem Menschen mit Gewissheit verfügbare Erfahrung über dieses „moderne“ Weltbild, auch keine außerordentliche und singuläre…. Die Erfahrung führt notorisch bis heute ein anderes Bild vor Augen. Warum die Skepsis gegen einmalig Bezeugtes und daneben diesen blinden Glauben an nie Erwiesenes?

Die Sonne sollte mitten am Tag stehenbleiben, damit die Lichtverhältnisse für den Kampf optimal bleiben. Sie konnte nur dann stillstehen, wenn mit ihr auch der Mond stillsteht. Die Abhängigkeit besteht also nicht in einer Art „Emanation“ von der Sonne als dem Herrschergestirn über die Erde hin zum Trabanten Mond, sondern zwischen den gleichberechtigten und voneinander wechselseitig abhängigen Gestirnen Sonne und Mond, die der Erde und ihrer Illumination dienen.

Die Reaktion der Kirche auf Galilei war seltsam „oberflächlich“ und typisch jesuitisch: wir glauben nicht aus Überzeugung in der Sache, sondern weil die Kirche es (vermeintlich) schon immer so vorgetragen hat. Der Widerstand gegen die neuen kosmologischen Lehren geschah nicht aus einer intensiven Auseinandersetzung in der Sache, sondern um des bereits eingeschlagenen dogmatischen Wegs willen, der ein offenes Abweichen von der Lehre, die Kirche könne sich nicht irren, und alles, was sie einmal festgelegt habe, müsse um jeden Preis gelten, zunächst nicht erlaube. Kardinal Bellarmins SJ Reaktion auf Galilei war im Grunde opportunistisch. Seine Argumentation gegen Galileis „Hypothesen“ (diese Sprachregelung verlangte die Kirche in der Sache zu recht), ist ein reines Autoritätsargument: Wenn in der Heiligen Schrift hier etwas anderes steht und das Trienter Konzil die Irrtumslosigkeit der Schrift dogmatisch festgelegt hat, kann man hier nicht plump das Gegenteil dessen behaupten, was die Schrift überliefert. Die Frage war nicht, ob Menschen damit möglicherweise in der Sache einem Irrtum verfallen, sondern ob die Glaubwürdigkeit der Hierarchie geschmälert werden könnte. Ebenso habe die Kirche sich auf die Bindung an die übereinstimmende Auslegung der Kirchenväter festgelegt, und es sei daher nicht möglich, eine Sache völlig neu aufzurollen. Auf den Einwand, es handle sich hier möglicherweise gar nicht um eine Glaubensfrage „ex parte obiecti“, antwortet er, es handle sich aber um eine Glaubensfrage „ex parte dicentis“ , habe doch schließlich der weiseste Mensch auf Erden, Salomo, es auch so gesehen, dass die Sonne einem Lauf folge und nicht die Erde, also müsse es so auch wahr sein, einfach nur darum, weil es so überliefert sei. Es ist mit den Händen zu greifen, dass der Jesuitengelehrte sich gegenüber der Sachfrage verweigert, solange nicht gesichert ist, dass die Kirche sich nicht in Widersprüche verwickelt und darum Glaubwürdigkeit einbüßt. Der Rückzug auf eine Glaubensfrage „ex parte dicentis“ ist bereits die Vorhut für eine Umdeutung des in der Tradition Gesagten.
Man wird als Leser den Verdacht nicht los, dass Kardinal Bellarmin SJ, der also keinerlei Anstrengung unternahm, die Frage in der Sache zu untersuchen, durch den Verweis auf bloße Wortlaute und Autoritätsargumente zurückrudert oder das, was er dem Anschein nach verwirft, in Wahrheit sofort unterstützen würde, wenn es für den Machtanspruch der Kirche gefahrlos geschehen könnte.[5] Bellarmin soll vielmehr sogar die neue Lehre insgeheim unterstützt haben insofern, als er dazu anregte, sie aus dem Stand der bloßen Hypothese zu holen und nachzuweisen. So blieb auch das Ergebnis des Prozesses gegen Galilei im Ungefähren: Man warf ihm nicht vor, was er lehrte, sondern dass er es nicht beweisen konnte.[6] Die späteren Aktivitäten insbesondere des Jesuitenordens, dessen vornehmstes Fachgebiet nach der Theologie von Anfang die Astronomie war (!), zeugen jedenfalls nicht von einer ernsthaften Bindung an die Überzeugungen der Alten, sondern von dem Versuch, die neue Lehre zu belegen und voranzutreiben. Der ultramontane Machtrausch des Ordens nach seiner Wiederzulassung infolge des Wiener Kongresses trieb neben dem alten jesuitischen Projekt der Verabsolutierung des Papsttums wie zuvor schon die moderne Kosmologie voran. Einige der neueren Hypothesen (wie z.B. die Urknalltheorie) gehen auf Jesuiten zurück — freilich ohne wissenschaftlich saubere Beweise (nach wie vor) und ohne Rücksicht auf die Schriftüberlieferung in ihrem Wortlaut. Es werden vielmehr gigantische Tautologien erzeugt, und sehr viele Menschen sind intellektuell nicht mehr in der Lage, diese Mogelpackung zu durchschauen. Es ist für „normale Leute“ unmöglich geworden zu unterscheiden, ob es sich um ernsthafte, handfeste astronomische Theorien handelt, für die triftige phänomenale Gründe sprechen, oder um eine geniale Science Fiction-Installation. Und nicht nur das. Es waren auch die Jesuiten, die diese neuen Lehren in alle Welt trugen und zum Gegenstand der „Mission“ machten. So wurden Heidenvölker in einem nur geringen und hochumstrittenen Umfang christianisiert, aber insgesamt erfolgreich von ihrer einheimischen Kosmologie abgebracht.[7] Der in der Sache eindeutige Schriftbefund wurde seitens der Jesuiten auf verschiedenen Wegen bekämpft. Ein Weg bestand in der Relativierung des Schriftwortes als Reaktion auf das protestantische „Sola-scriptura“-Prinzip. Sie unternahmen bereits im 17. Jh einige Anstrengungen, um das Schriftwort nach eigenem Gutdünken jeweils als bloße „Meinung“ anzusehen und holten sich dadurch Zensuren durch verschiedene theologische Universitäten ein, etwa Löwen und Douai. So stimmten Jesuiten in der Schriftkritik mit Luther überein, indem sie apokryphe Schriften der Septuaginta als nicht direkt vom Hl. Geist inspiriert behaupten, hierin aber weitergingen und diese Meinung auch auf den Kernbestand der Schrift, etwa bei historischen Büchern, übertrugen.[8] Beistand erhielten sie von dem katholischen französischen Exegeten Richard Simon, der im 17. Jh als erster die „historisch-kritische“ Bibelexegese in großem Umfang betrieb. Diese Methode erlaubt eine willkürliche Bewertung biblischer Sachverhalte, solange man echte oder auch nur dem Anschein nach echte Argumente dafür vorbringen kann. Der Text und seine Überlieferung wird dadurch in seiner Autorität erheblich zurückgestuft. Im Falle der Jesuiten rückte an die Stelle des relativ sicheren Textbefundes oder einer handfesten, schriftlich fixierten Auslegungstradition die päpstliche Unfehlbarkeit in der Lehre. Man hat protestantischerseits vermutlich niemals begriffen, dass der nachtridentinische, jesuitisch geprägte Katholizismus nicht nur die Schrift, sondern auch die überlieferte, fixierte Tradition beiseite rückt und nur noch das „leibhaftige“ Traditionsprinzip, im Papst inkarniert, anerkennen will. Die häufige evangelische Polemik gegen das alte Traditionsprinzip verfehlt insofern vollkommen die Problemlage, zumal die Schrift ja selbst Ergebnis tradierten Glaubens war und ist. Bei genauerem Hinsehen kann man erkennen, dass das alleine auf den Papst fixierte unfehlbare Traditionsprinzip der neueren protestantischen Auslegungswillkür, die vorerst noch dem Anschein nach jedem einzelnen überlassen wird, entspricht. In beiden Fällen wird eine objektive, „materielle“ Grundlage des Glaubensgutes relativiert und einer Subjektivierung und scheinbaren „Vergeistigung“ überlassen, die im einen Fall als „derzeitig gerade absolut“ („regula fidei proxima“), im anderen Fall als „derzeitig gültig“ behauptet wird, hier freilich anders gefärbt. Man sagt, man sehe etwas „heute“ so. Nicht anders aber ist das Papstprinzip gelagert, wenn auch in anderen Kostümen. Die Tatsache einer manchmal unsicheren Textüberlieferung wird in beiden Fällen so überbewertet, dass die Suggestion erzeugt wird, man könne folglich den Texten als Offenbarungsgrundlage nicht gewiss vertrauen.

Wenn man also bedenkt, dass das Hauptproblem des 16. und 17. Jh, das in der Kirche verhandelt wurde, nicht die neue Kosmologie selbst war, sondern deren vermutlich prinzipielle Unbeweisbarkeit, dann lässt dies aufhorchen. Es ist dieser Umstand offenkundiger Unaufrichtigkeit, der mich an dieser Stelle vor der Kirche zurückweichen lässt. Die Kirche hätte es demnach bei einer „Nichtbeteiligung“ an der Debatte belassen müssen. Sie tat es aber nicht, sondern trieb langfristig selbst den Abfall von dem voran, was sie wie ein Stachel im Fleisch in ihren eigenen alttestamentlichen und frühchristlichen Traditionen Lügen straft. Alleine, dass ihr einziges Interesse war, wie man den Widerspruch ohne Autoritätsverlust den Menschen unterjubeln könne, erregt Abscheu in mir. Es hat eben den Anschein, dass die Kirche nicht nur defensiv reagierte, sondern selbst die neuen Lehren hervorbrachte und einfließen lassen wollte ins Glaubensgut. Das Urteil Pierre Leichs über die „Causa Galilei“ entbehrt aus meiner Sicht nicht der Tragikomik:
„Bis Galileis Dialogo vom Index Librorum Prohibitorum gestrichen wurde, dauerte es bis zum Jahr 1835. Die Galilei-Akten wurden 1880 unter Leo XIII. geöffnet, doch entstanden zunächst nur tendenziöse Publikationen. Immerhin anerkannte dieser Papst Galileis Argumente über die Beziehung von Wissenschaft und Offenbarung der Bibel, doch ein bleibender Schaden im Verhältnis von Ratio und Religio war längst entstanden.“[9]
Die Sache verhält sich andersherum, denn Galilei war es, der nicht aufgrund einer „ratio“, sondern aufgrund einer Voreingenommenheit, die man in einem gewissen Sinn als „religio“ bezeichnen kann, seine kosmologischen Behauptungen aufstellte. Es war ja gerade die Problematik, dass er seine Meinungen ebenso wenig beweisen konnte wie die Kirche dies bei der biblischen Überlieferung vermochte, die in seinem Inquisitionsprozess verhandelt wurden. Es steht hier also nicht „ratio“ gegen „religio“, sondern „religio“ gegen „anti-religio“, aber „religio“ ist beides!
Es bleibt die Frage im Raum stehen, warum es der Kirche so wichtig war und ist, dass die Menschen nicht an die Kosmologie glauben, die aus der Schrift und den vorzeitlichen Überlieferungen aller Völker hervorgehen. Warum legte sie es langfristig darauf an, den Menschen abzuschneiden von der Überlieferung der Urzeit, die nicht weniger plausibel ist als die moderne Kosmologie, dabei aber den Vorteil hat, von jedermann empirisch nachvollzogen werden zu können, wohingegen die neuzeitliche Astronomie einer Geheimlehre gleichkommt, die nur für Eingeweihte erfahr- und erkennbar ist. Es ist bizarr, dass die ganze Welt sich dies gefallen lässt und bereitwillig glaubt, was objektiv so zweifelhaft ist wie kaum etwas anderes in diesem Leben.

Doch zurück zu den Gestirnen als „Zeichen“ für apokalyptische Ereignisse in der Heiligen Schrift:
Von „kosmischen“ Zeichen ist nicht nur die Geburt Jesu gekennzeichnet, sondern auch sein Tod. Die letzten drei Stunden vor seinem Tod, als er am Kreuz hing, waren mitten am Tag verfinstert:
A sexta autem hora tenebræ factæ sunt super universam terram usque ad horam nonam.” (Mt 27, 45) — “Von der sechsten bis zur neunten Stunde aber brachen Finsternisse über die gesamte Erde herein.”
Es ist merkwürdig, dass fast alle deutschen Übesetzungen das „super universam terram“ („über die gesamte Erde“) als „über das ganze Land“ übertragen und damit den Eindruck erwecken, das sei nur in Israel zu sehen gewesen. Die lateinische Formulierung zumindest lässt keinen Zweifel darüber, dass diese Finsternis auf der ganzen Erde einbrach. Und das mitten am Tage (von Mittag bis drei Uhr nachmittags). Sonnenfinsternisse dauern niemals so lange. Man stellte Spekulationen an, welche natürlichen Ursachen diese Himmelsphänomene hervorgerufen haben könnten und kann es bis heute nicht erklären. Dabei steht das kopernikanische Weltbild ganz besonders und unerbittlich im Weg. Manche meinen, es war eine ziemlich dunkle Tagzeit, so, wie es düster wird bei einem Unwetter. Das mag man daraus schließen, dass nach dem Tod Jesu um 15.00 Uhr ein schweres Erdbeben geschah. Bei diesem Erdbeben spalteten sich Felsen, und Gräber öffneten sich und gaben die bereits entschlafenen Heiligen heraus. Sie wurden in ganz Jerusalem gesehen. Das „Wetter“ ist hier also mehr als nur ein gewöhnliches Unwetter, und die „Finsternisse“ ausgerechnet zur Mittagszeit, wenn es natürlicherweise nach aller Erfahrung am hellsten ist, weisen auf eine außergewöhnliche Schwächung der Sonne hin. Lukas bestätigt dies: „Et obscuratus est sol.“ (Lk 23, 45) — „Die Sonne wurde verdunkelt.“
Dieses Zeichen konnte also wie der Sonnen- und Mondstillstand bei Josua und der Stern von Bethlehem bis heute von niemandem zweifelsfrei aus den natürlich Abläufen der Gestirne, die wir beobachtet haben, erklärt werden.
Wir erkennen daraus vor allem eines: die Gestirne gehorchen dem Befehl ihres Schöpfers und reagieren auf das, was geschieht zwischen Himmel und Erde.
Wenn die „ganze Schöpfung in Wehen seufzt bis heute“ (Röm 8, 22), dass unsere „Kindschaft offenbar wird“, die Hoffnung der Christen, dann ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass die Sonne, als der Sohn Gottes am Kreuz starb, in Erschütterung und Trauer nicht mehr scheinen konnte. Mit seinem Tod wich das Licht aus ihr, die doch all ihr Licht von ihm bezieht, weil er derjenige ist, „durch den alle Dinge geschaffen sind im Himmel und auf Erden“ (Kol 1, 16).

Es stehen für das Ende der Zeiten noch eine ganze Reihe dramatischer Himmels- und Gestirnezeichen aus. Es ist notwendig, sich die apokalyptischen Voraussagen der Heiligen Schrift, die noch nicht erfüllt sind, genauer anzusehen.

3. Die Gestirne am Ende der Tage

Die eindeutigsten und unzweifelhaftesten Aussagen dazu sind uns von Jesus selbst überliefert.
Die synoptischen Evangelien geben uns die Endzeitreden Jesu kurz vor seinem Tod wieder.

25 Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres.
26 Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
27 Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. (Lk 21)

Im Markus-Evangelium führt der Herr diese Zeichen an den Gestirnen genauer aus. Er sagt eine große Not hervor, „wie es noch nie eine gegeben hat, seit Gott die Welt erschuf, und wie es auch keine mehr geben wird“ (Mk 12, 19). Später sagt er:

24 Aber in jenen Tagen, nach jener Drangsal, wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen;
25 die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
26 Dann wird man den Menschensohn in Wolken kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit.
27 Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

Nahezu wortgleich berichtet Matthäus (Mt 24, 29ff).
Hier stoßen uns im Hinblick auf die Gestalt der Erde gleich mehrere Dinge auf:

1. Wenn Sterne vom Himmel fallen werden, dann ergibt das keinen Sinn, wenn man sich vorstellt, die seien Millionen Lichtjahre entfernt und womöglich um ein Vielfaches größer als die Erde. Es ergibt auch keinen Sinn, sich darauf herauszureden, es müssten dann eben Meteoritenschauer sein. Damit ist nicht zu rechnen, denn wenn die Sterne vom Himmel fallen, dann wird man sie anschließend am Himmel vermissen. Indirekt bestätigt wird dies durch Off 8:

10 Der dritte Engel blies seine Posaune. Da fiel ein großer Stern vom Himmel; er loderte wie eine Fackel und fiel auf ein Drittel der Flüsse und auf die Wasserquellen.
11 Der Name des Sterns ist Absinth - Wermut - . Ein Drittel des Wassers wurde Absinth und viele Menschen starben durch das Wasser, weil es bitter geworden war.
12 Der vierte Engel blies seine Posaune. Da wurden ein Drittel der Sonne und ein Drittel des Mondes und ein Drittel der Sterne getroffen, sodass sie ein Drittel ihrer Leuchtkraft verloren und der Tag um ein Drittel dunkler wurde und ebenso die Nacht.

In gar keinem Fall darf man hier also von einer bloßen Häufung von Sternschnuppen und „Meteoriteneinschlägen“ ausgehen.

2. Die Beschreibung der Erscheinung des Menschensohnes in den Wolken am Himmel, die von allen gesehen wird, lautet folgendermaßen: „Alle Völker werden jammern und klagen und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ (Mt 24, 30) Wenn der wiederkommende Herr von allen gesehen werden kann, kann die Erde keine Kugel mit „Antipoden“ und „Down-Under“ sein. Sie muss flächig angelegt sein. Nur so ist eine Sicht aller auf ihn möglich.

3. Da übereinstimmend überliefert wird, dass Jesus die von ihm „Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen (wird), vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels“ (s.o.), dann ist die Erde so angelegt, dass es Sinn ergibt, sie flächig und von einem Flächenzentrum her in vier Richtungen hin zu strukturieren. Auf einer Kugel kann es nur bedingt „Windrichtungen“ geben. Es mag dort Winde geben, die man in bestimmten Kugelabschnitten verorten kann, aber sie geben keine Vierzahl der „Richtungen her“. Die Problematik einer Kugel ist, dass es auf ihr keine wirklichen Richtungen geben kann, kein echtes Oben und Unten und: vor allem kein „Ende der Erde“ und erst recht kein „Ende des Himmels“. Die Formulierung lässt viel eher ein Bild entstehen, bei dem das Ende der Erdfläche mit den Zeltenden des Himmel zusammenstößt, und dieser Ort das äußerste Ende der Erde (von einem Mittelpunkt der Fläche aus gesehen) und des unteren Himmels bedeutet.

4. Jesus sagt, die „Kräfte des Himmels“ würden „erschüttert werden“.
Aufgrund seiner Zuordnung dieser Kräfte zu den Gestirnen muss man annehmen, dass er meint, dass die althergebrachten Gestirneläufe, die im Alten Testament vielfach sogar als Garanten der ewigen Güte und Macht Gottes sind (Jer 31, 35; Job 38, 33; Jer 33, 25f) am Firmament durcheinander gebracht werden. Diese Rede ergäbe keinerlei Sinn im heliozentrischen Kugelmodell. In der gängigen Astronomie und Kosmologie werden ja unentwegt Sensationen im All angenommen, ohne dass dies eine besondere Auswirkung haben kann, ist doch dieses All viel zu gigantisch gedacht. Fast jede „Erschütterung“ wird ausgelagert in Millionen Lichtjahre Entfernung. Das einzige, was man als „Gefahr“ evoziert, ist der Zusammenstoß des „Planeten Erde“ mit anderen Gestirnen, etwa Kometen oder Asteroiden, aber genau dies wird niemals geschehen, weil die Erde kein Planet ist und nicht in einem unendlichen Raum herumfliegt. Alle militärischen Mächte wissen das sehr genau, auch wenn sie die Menschheit immer wieder in Atem halten mit entsprechenden Szenerien und Verängstigungen. Es ist ein mediales Spiel von Gerüchten und Dementis, das keiner mehr ernst nimmt.
Es gibt nur eine reale Gefahr, und die besteht darin, dass der Mensch durch seine himmelschreienden Sünden das Gefüge des Firmamentes durcheinander bringt.

In Off 8 wird genauer ausgesprochen, was mit der Erschütterung der Kräfte gemeint ist: Bei den vier ersten Posaunen wird ein Drittel der Leuchtkraft der Gestirne verloren gehen. Zuvor stürzen „Feuer und Hagel“ vom Himmel ins Meer und vernichten ein Drittel der Lebewesen darin, ein „großer Stern“ fällt wie „eine Fackel“ in die frischen Gewässer, in „Flüsse und Quellen“, also das geordnete, lebendige Wasser und vernichtet ein Drittel aller darin lebenden Tiere. Die Menschen sterben an diesem verseuchten Wasser. Es ist unsinnig, sich einen solchen Vorgang auf einem Erdball vorzustellen. Auf einer Erdfläche aber ist es leicht denkbar, dass mit einem solchen Sternensturz die zentrale Zufuhr des frischen Wassers zerstört wird, die irgendwo unter unseren Füßen sein könnte. Wir erinnern uns, dass im Garten Eden „ein Strom“ entspringt, der die ganze Welt bewässert, und sich in vier Hauptströme verzweigt, von denen einer der „Euphrat“ ist (Gen 2, 10 ff). Man kann aus dieser Schöpfungserzählung entnehmen, dass die gesamte Frischwasserzufuhr von einem einzigen großen Unterstrom aus der Urflut herrührt. Bestätigt wird diese Sicht durch Salomo, der schrieb: Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen.“ (Kohelet 1, 9) das „Meer“ ist hier die „Quelle“ der Flüsse. Das bedeutet, dass Salomo davon ausgeht, dass die Meere sich aus einer großen Urquelle speisen, aus der auch die Quellflüsse sich speisen. Es würde also genügen, einen der Hauptströme empfindlich zu treffen und damit dieses „Drittel der Menschen“ zu verseuchen. Vom Euphrat ist auch bei der Ausgießung der Zornschalen die Rede: „Der sechste Engel goss seine Schale über den großen Strom, den Eufrat. Da trocknete sein Wasser aus, sodass den Königen vom Aufgang der Sonne der Weg offen stand.“ (Off 16, 12) In der Größenordnung Edens wäre damit ein Viertel des frischen Wassers annulliert. Von den restlichen drei Hauptströmen würde einer verseucht.
Bei der Beschreibung der „Zornschalen“ in Kap. 16 wird in V 8 geschaut, dass die Sonne durch die Ausgießung einer Zornschale viel stärker brennt als zuvor und die Menschen versengt und sie schwere Verbrennungen davontragen werden von ihrem Schein. Da diese Steigerung ihrer Leucht- und Brennkraft nach der Einbuße um ein Drittel geschieht, kann man sich hier nicht auf die oft prognostizierte Entwicklung der Sonne im heliozentrischen Modell berufen.[10] Nach einem gewaltigen Erdbeben, das schwerer sein wird als alle Erdbeben je zuvor, werden „gewaltige Hagelbrocken, zentnerschwer“ vom Himmel fallen (V 21). Es müssen unvorstellbare Vorgänge in der Luft und am Firmament geschehen, um solche großen Eisstücke von oben herabzuwerfen. Dass Gott allerdings einen großen Vorrat an Hagel für das „tempus hostis“, „Zeit der Drangsal“, wie die Einheitsübersetzung 2016 überträgt, eigentlich aber die „Zeit des Widersachers/“Reichsfeindes““, also die Endzeit, vorbereitet und gelagert hat, sagt uns bereits das Alte Testament im Buch Job:

2Bist du zu den Kammern des Schnees gekommen, hast du die Kammern des Hagels gesehen,
23 den ich für Zeiten der Drangsal aufgespart, für den Tag des Kampfes und der Schlacht? (Job 38)

Martin Buber überträgt diese Stelle mit den Worten:

„Bist du zu den Speichern des Schnees gekommen
Und hast die Speicher des Hagels besehn,
die für die Frist der Drangsal ich sparte, f
für den Tag des Kampfes und der Kriegschaft?[11]

Die „Frist der Bedrängnis“, das Ereignis der „Enge“, der „Bedrängnis“ oder auch des „Widersachers“, die „et-zar“, Kann im Hebräischen das Wort „zar“ entweder als Ereignis und Zustand der Bedrängnis auffassen oder personal im Sinne einer Frist, einer Zeitspanne, einer begrenzten Phase des „Bedrängers“ oder „Feindes“.

Auch wenn man sich das eine oder andere Detail für sich genommen im Rahmen des kopernikanischen Modells vorstellen könnte, ist es doch insgesamt in dessen Rahmen nicht denkbar — alleine die Frage, wie ein Drittel der Myriaden von Sternen, wenn man annimmt, sie stellten eigene Galaxien und Sternenheere dar, die fast unendlich weit entfernt sind, einfach so plötzlich verschwinden, nicht mehr leuchten bzw in ihrem Schein abgeschirmt sein sollten und/oder auf die Erde stürzen sollen ist nicht beantwortbar. Nur in einem flächig angelegten Modell, über dem sich das Himmelszelt mit den Firmamentgestirnen wölbt, ist diese Beschreibung vorstellbar und sinnvoll.

Die Zerrüttung der Ordnungen am Firmament korrespondiert der Zerrüttung durch die Sünde bei den Menschen. Je weiter die Menschheit, je weiter vor allem die Fürsten sich von den Ordnungen Gottes in ihren Herzen und Taten entfernen, desto gefährdeter ist die kosmische Ordnung:

1 Alle Bewohner des Landes sollen zittern; denn es kommt der Tag des HERRN, ja, er ist nahe,
ein Tag des Dunkels und der Finsternis, ein Tag der Wolken und Wetter (…)
10… der Himmel erbebt; Sonne und Mond verfinstern sich, die Sterne halten ihr Licht zurück.
11 Und der HERR lässt vor seinem Heer seine Stimme erschallen; ja, überaus zahlreich ist sein Heer, ja, gewaltig groß ist der Vollstrecker seines Befehls. Ja, groß ist der Tag des HERRN und voll Schrecken. Wer kann ihn ertragen? (Joel 2)

Das Gericht, der „Tag des Herrn“, geht einher mit der Offenbarwerdung der Folgen menschlicher Untaten im Himmelsgefüge:

Wenn dein Leben erlischt, will ich den Himmel bedecken und seine Sterne verdüstern. Die Sonne decke ich zu mit Wolken, der Mond lässt sein Licht nicht mehr leuchten.
Deinetwegen verdunkle ich alle die strahlenden Lichter am Himmel und lege Finsternis über dein Land - Spruch GOTTES, des Herrn.  (Ez 32)

Die Bosheit des Menschen ruft den Regress in den chaotischen Zustand des ungezähmten „t’hom“, der tödlichen Urflut hervor. Diesmal zeigt er sich nicht am unkontrollierten Einbruch in die Erde, sondern an der Auflösung der festgefügten „Pfeiler“ der Erde (Job 38, 6):

10 Die Sterne und Sternbilder am Himmel lassen ihr Licht nicht leuchten. Die Sonne ist dunkel bei ihrem Aufgang und der Mond lässt sein Licht nicht scheinen.
11 Dann werde ich am Erdkreis die Bosheit heimsuchen und an den Frevlern ihre Schuld. Dem Hochmut der Stolzen mache ich ein Ende und erniedrige die Hoheit der Tyrannen.
12 Die Menschen mache ich seltener als Feingold, die Menschenkinder rarer als Golderz aus Ofir.
13 Darum werde ich den Himmel erzittern lassen und die Erde wird beben, weg von ihrem Ort, wegen des Grimms des HERRN der Heerscharen am Tag seines glühenden Zorns. (Jes 13)


4. Sterne als Engel, Geister und Heilige

Aber auch in einem Zusammenhang, der eher die Bedeutung des „Sterns“ als Bezeichnung eines Engels oder Heiligen meint, wird in der Apokalypse 9 von einem Gestirn gesprochen:

1 Der fünfte Engel blies seine Posaune. Da sah ich einen Stern, der vom Himmel auf die Erde gefallen war; ihm wurde der Schlüssel zu dem Schacht gegeben, der in den Abgrund führt.
2 Und er öffnete den Schacht des Abgrunds. Da stieg Rauch aus dem Schacht auf, wie aus einem großen Ofen, und Sonne und Luft wurden verfinstert durch den Rauch aus dem Schacht.
3 Aus dem Rauch kamen Heuschrecken über die Erde und ihnen wurde Kraft gegeben, wie sie Skorpione auf der Erde haben.
4 Es wurde ihnen gesagt, sie sollten dem Gras auf der Erde, allen grünen Pflanzen und allen Bäumen keinen Schaden zufügen, sondern nur den Menschen, die das Siegel Gottes nicht auf der Stirn haben.
5 Es wurde ihnen befohlen, die Menschen nicht zu töten, sondern nur zu quälen, fünf Monate lang. Und der Schmerz, den sie zufügen, ist so stark, wie wenn ein Skorpion einen Menschen sticht.
6 In jenen Tagen werden die Menschen den Tod suchen, aber nicht finden; sie werden sterben wollen, aber der Tod wird vor ihnen fliehen.
7 Und die Heuschrecken sehen aus wie Rosse, die zur Schlacht gerüstet sind; auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das goldschimmernden Kränzen gleicht, und ihre Gesichter sind wie Gesichter von Menschen,
8 ihr Haar ist wie Frauenhaar, ihr Gebiss wie ein Löwengebiss,
9 ihre Brust wie ein eiserner Panzer; und das Rauschen ihrer Flügel ist wie das Dröhnen von Wagen, von vielen Pferden, die sich in die Schlacht stürzen.
10 Sie haben Schwänze und Stacheln wie Skorpione und in ihren Schwänzen ist die Kraft, mit der sie den Menschen schaden, fünf Monate lang.
11 Sie haben als König über sich den Engel des Abgrunds; er heißt auf Hebräisch Abaddon, auf Griechisch Apollyon.
12 Das erste Wehe ist vorüber. Siehe, noch zweimal wird das Wehe kommen.

Es ist eine merkwürdige Stelle. Sie erinnert an den Engelssturz im Buch Jesaja (s.0.), als vom Stern „Lucifer“ gesprochen wird, dem „Sohn der Morgenröte“, der abgestürzt ist. Die dämonischen Wesen, die aus dem Schacht hervorquellen, zu dem dieser „Stern“ den „Schlüssel“ hat, haben einen „König“, den „Engel des Abgrundes“, der auch „Apollyon“ heißt. Apollyon, wenn er den Gott Apollon meint, ist sowohl der „Zerstörer“ (Gott de Todes und der Pest), als auch der Sonnengott, der Gott der Musik, der Dichtung, der Fruchtbarkeit und Viehherden. „Abaddon“ ist für die Juden der „Zerstörer“, der Todesengel bzw ein Höllenkreis.[12]

Wir haben gesehen, dass die Heilige Schrift die Vorstellung kennt, bei den Sternen handle es sich um personhafte Wesenheiten. Nicht nur der Vergleich der unzählbaren Sterne mit einer unzählbaren Nachkommenschaft Abrahams legt dies metaphorisch nahe, sondern die Identifikation der „b’ne elohim“, der „Göttersöhne“ mit Sternen. Immer wieder lesen wir eine direkte Verknüpfung von Sternen mit Göttersöhnen, der „Entourage des Allmächtigen“ im Himmel:

6 Wohin sind ihre (der Erde) Pfeiler eingesenkt? Oder wer hat ihren Eckstein gelegt,
7 als alle Morgensterne jauchzten, als jubelten alle Gottessöhne? (Job 38)

Im Jesajabuch wird uns der Gott vorgestellt als der Heerführer, der die zahllosen Sterne alle mit Namen kennt und befehligt:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat diese Gestirne erschaffen? Der vollzählig herausführt ihr Heer, er ruft sie alle beim Namen. Wegen seiner Fülle an Kraft und mächtiger Stärke fehlt kein einziges. (Jes 40, 26)

Dies bestätigt Psalm 147, 4: „Er bestimmt die Zahl der Sterne und ruft sie alle mit Namen.“

Einerseits entmythologisiert die Schrift die Gestirne und unterwirft sie radikal dem Befehl des Schöpfers. Sie sind dienstbare Gehilfen der Schöpfungsordnung und Stabilität des Himmels und der Erde. Andererseits entpersonalisiert sie sie aber nicht in derselben radikalen Weise. Es bleibt für uns in diesem Äon wohl offen, wer oder was sie in Wahrheit sind. Eines aber ist gewiss: sie sind im Kontext der gesamten Schrift nicht das, was man uns in der modernen Kosmologie erzählt.


[1] Wikipedia-Artikel zum Stichwort „Lichtkunst“, abgerufen am 16.11.2017: https://de.wikipedia.org/wiki/Lichtkunst
[2] Der experimentelle Nachvollzug des kühlenden Mondlichtes geschieht derzeit sehr häufig und wird immer wieder bestätigt, als Beispiel sei dieses Blog zitiert: https://exitmatrixnet.blogspot.de/2016/11/mondlicht-kuhlt.html (6.11.2017). Aber bereits die Alten sprachen vom „kühlenden Mondlicht“ — es ist keine neue Entdeckung. Etwa besingt dieses Phänomen ein provençalisches Schifferlied:
Es löscht das Meer die Sonne aus,
Kühlendes Mondlicht ist erwacht,
Der gold'ne Adler läßt sein Haus
Müde dem Silberschwan der Nacht….“
[3] Die fünf Bücher der Weisung. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Darmstadt 1984, S. 10
[4] Vgl. dazu meinen Artikel „Sol invictus 2.0 — Das Licht und die Sonne“ (2017), abrufbar hier: http://zeitschnur.blogspot.de/2017/08/sol-invictus-20-das-licht-und-die-sonne.html
[5] Die Auseinandersetzung wird beschrieben bei Graf Paul von Hoensbroech, Der Jesuitenorden. Eine Enzyklopädie aus den Quellen zusammengestellt und bearbeitet. 1. Band A—J. Leipzig 1926. S. 458 — Die von mir beschriebene Haltung seitens Kardinal Bellarmins kommt in einem Brief an Foscarini vom 12.4.1615 zum Ausdruck.
[6] „In der katholischen Kirche hatten sich offenbar die Kräfte durchgesetzt, welche die Frage nicht zum Glaubensinhalt machen wollten. Im Gegensatz zum Gutachten wird nicht mehr von „Häresie“ gesprochen und die Lehre von der Bewegung der Erde wird nicht für „irrig im Glauben“ gehalten, sondern nur noch als „schriftwidrig“ bezeichnet. Galilei wird auf Befehl des Papstes schon am 26. Februar 1616 von einem der höchsten Kirchenvertreter, Kardinal Roberto Bellarmin, mit dem Inhalt des Dekrets persönlich bekannt gemacht. Dieser Bellarmin hatte ein Jahr zuvor geäußert, das Copernicanische System sei als Arbeitshypothese dem ptolemäischen System möglicherweise überlegen – nur könne seine Bezeichnung als erwiesene Tatsache nicht toleriert werden.
Der Streitpunkt im späteren Prozess wird sein, ob ihm von Bellarmin verboten wurde, die Copernicanische Lehre zu behaupten oder ob ihm nur das Dekret mitgeteilt wurde. Da sich die Dokumente widersprechen, konnte dieser Punkt bereits damals nicht wirklich geklärt werden.“ Pierre Leich: Die schwierige Beziehung zwischen von Ratio und Religio: Der Inquisitionsprozess gegen Galileo Galilei. November 2010. Abgerufen auf https://www.theologie-naturwissenschaften.de/startseite/leitartikelarchiv/galileo-galilei.html (8.11.2017) Evangelische Akademie im Rheinland Bonn, Verantwortlich Dr. Frank Vogelsang, Red. Dr. Andreas Losch

[7] Beispielhaft ist dafür das Wirken der Jesuiten in China. Bereits 1582 reiste Matteo Ricci SJ nach China und wirkte dort als Mathematiker und Astronom. Am bekanntesten ist uns heute Adam Schall von Bell SJ, der 1618 nach China gesandt wurde und dort m Kaiserhof bereits die abendländische Astronomie einführte, zunächst noch nach der Lehre Tycho Brahes, bald aber kopernikanisch und in Kooperation mit dem Protestanten Johannes Kepler. Wegen der doktrinären Religionsvermischung („Akkomodation“) durch die Jesuiten und Auseinandersetzungen mit den Dominikanern über diese Frage im 18. Jh wurde der Orden durch Rom angewiesen, diese Vermischung zu unterlassen. Daraufhin wurde der Orden 1722 aus China ausgewiesen. Jegliche Akkomodation wurde nach fortgesetzter Widersetzlichkeit der „Kompagnie“ 1744 von Benedikt XIV. verboten.
[8] Über die gezielte Herabsetzung biblischer Überlieferung seitens der Jesuiten vgl. Johannes Huber: Der Jesuiten-Orden nach seiner Verfassung und Doctrin, Wirksamkeit und Geschichte. Berlin 1873. S. 236 ff Der Autor beschreibt dort, wie die Jesuiten, um ihre Lieblingsdoktrin, nämlich die Unfehlbarkeit des Papstes und seine Universalherrschaft, zu begründen, Schrift und Tradition gegenüber der Lehre vom „Felsen“ zurücktreten, die allerdings auf bloße reine Fiktionen und gefälschte Dokumente gesetzt wurde. Nicht nur Luther fügte der Schrift je nach ideologischer Absicht Worte hinzu oder wertete sie ab, sondern auch aus der Societas Jesu geschah dies nachweislich und gravierend. Die vergleichsweise „nebensächliche“ Frage der Kosmologie stand daher aus der Sicht der SJ auf so wackeligen Beinen, dass es nur darum gehen konnte, sie möglichst elegant aufzulösen und zu ersetzen durch eine neuere Lehre. Die protestantische „Bibelkritik“ des 19. Jh hatte in Wahrheit ihren Vorläufer und Ideengeber bereits in katholischen Vorläufern außerhalb und vor allem innerhalb des Jesuitenordens.
[9] A.a.O.
[10] Demnach soll die Sonne den in ihr befindlichen Wasserstoff verbrennen, um relativ kontinuierlich zu leuchten. Wenn er verbraucht ist, soll sie sich aufblähen und anschließend ihre Gasschichten abstoßen („planetarischer Neben“) und in sich zusammensacken. Dies alles soll frühestens in 500 Millionen Jahren beginnen. Immer wieder gehen darüber Berichte durch die Medien, etwa hier https://www.abendblatt.de/ratgeber/wissen/forschung/article107152298/Und-wann-explodiert-die-Sonne.html (Hamburger Abendblatt vom 6.9.2017), abgerufen am 21.11.2017. Oder hier http://www.focus.de/wissen/weltraum/odenwalds_universum/frage-von-frauke-bruesemeister-was-passiert-wenn-die-sonne-explodiert_aid_303314.html (Focus vom 23.5.2008), abgerufen am 21.11.2017.
[11] Die Schriftwerke, verdeutscht von Martin Buber. Darmstadt 1984, S. 333
[12] Das „Anchor Bible Dictionary“ von 1992 führt dazu aus: „APOLLYON. The Greek name, meaning "Destroyer," given in Revelation 9:11 for "the angel of the bottomless pit" (in Hebrew called Abaddon), also identified as the king of the demonic "locusts" described in Revelation 9:3-10...In one manuscript, instead of Apollyon the text reads "Apollo," the Greek god of death and pestilence as well as of the sun, music, poetry, crops and herds, and medicine. Apollyon is no doubt the correct reading. But the name Apollo (Gk Apollon) was often linked in ancient Greek writings with the verb apollymi or apollyo, "destroy." From this time of Grotius, "Apollyon" has often been taken here to be a play on the name Apollo. The locust was an emblem of this god, who poisoned his victims, and the name "Apollyon" may be used allusively in Revelation to attack the pagan god and so indirectly the Roman emperor Domitian, who liked to be regarded as Apollo incarnate.” Diese Information und weitere interessante Details zum Thema sind zu finden auf https://philologos.org/bpr/files/a009.htm, abgerufen am 22.11.2017.

Donnerstag, 19. Oktober 2017

Fake Heavens IV - "Bestand aus Wasser und durch Wasser": Die Urflut in der Heiligen Schrift



Fake Heavens IV -  "Bestand aus Wasser und durch Wasser": Die Urflut in der Heiligen Schrift

Einer Sicht, wie sie heute üblich ist, aber ihre Vorbilder und Initiatoren in der außerbiblischen kirchlichen Tradition hat, die sich an diesem Punkt bewusst der biblischen Überlieferung verweigerte, möchte ich mich aus Achtung vor der Schriftüberlieferung nicht anschließen.
Zur allgemeinen Skepsis gegenüber einer spekulativen, niemals „fertigen“ Wissenschaft kommt, dass eben diese moderne Astrophysik eine ganze Reihe von Annahmen macht, die mir nicht plausibel, tautologisch und darum auch nicht gerechtfertigt erscheinen. Ich schließe mich an dieser Stelle der Haltung von Laktanz aus dem frühen 4. Jh an (s.u.). Wenn man schon mit Augustinus meint, die Schrift sage uns zu wenig Gewisses über die Gestalt des Himmels, dann sollte man auch zugestehen, dass die griechisch-römischen Kosmologien, auch wenn sie viele spekulative Worte machten, noch viel mehr ohne irgendeinen empirischen Anhaltspunkt auskamen.
Einem generellen Vorbehalt gegenüber dem Denken und Wissen der Vorzeit möchte ich entgegenhalten, dass manche Überreste der vorzeitlichen Kulturen uns Fertigkeiten und Kenntnisse offenbaren, die den antiken, mittelalterlichen und heutigen offensichtlich weit überlegen und ein Rätsel sind. Es gehört ein gerüttelt Maß an Selbstüberschätzung dazu, diese Kulturen so herabzustufen und nicht für voll zu nehmen, wie dies in den neueren kosmologischen Annahmen verborgen liegt.
Ich wähle den Weg, das, was da überliefert wird, ganz ernst zu nehmen und im Hinblick auf mein Thema zunächst hinsichtlich der Rekonstruktion des biblisch überlieferten Sachverhaltes zu befragen.

Die gewichtigste Aussage macht naturgemäß der erste Schöpfungsbericht. Wir alle kennen die berühmten Anfangsworte des Alten Testaments (zitiert nach der EÜ) in Genesis 1:

1 Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde;
2 die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.
3 Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.
4 Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis
5 und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.
6 Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.
7 Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es
8 und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.
9 Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es.
10 Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.
11 Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin. So geschah es.
12 Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, alle Arten von Bäumen, die Früchte bringen mit ihrem Samen darin. Gott sah, dass es gut war.
13 Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.
14 Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen;
15 sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es.
16 Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne.
17 Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten,
18 über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war.
19 Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

In dieser Schöpfungserzählung hat die Erde Bestand aus und im Wasser. So bestätigt es auch der heilige Petrus, „dass es einst einen Himmel gab und eine Erde, die durch das Wort Gottes aus Wasser entstand und durch das Wasser Bestand hatte.“ (2. Petr 3, 5). Im Lateinischen klingt es etwas anders: „… quod cæli erant prius, et terra de aqua, et per aquam consistens Dei verbo.“ — „… dass vorher die Himmel waren, und die Erde aus Wasser und durch das Wasser Bestand erhielt durch das Wort Gottes…“. Das Wort „prius“ meint hier nicht, dass diese Schöpfung nicht mehr ist, sondern im weiteren Zusammenhang „vor“ der Sintflut lag.
Aus einem wirren Vorzustand der Urfluten, über denen Gottes Geist schwebte, schuf Gott „die“ Himmel („caeli“ bzw hebr. „schamajim“) und die Erde. Spontan fragt man, ob diese Himmel dieselben sind, in denen Gott mit seinen Heerscharen und Gewaltigen wohnt und ob der Ort Gottes vorher einfach der war, über diesen Urfluten zu „schweben“, oder ob es noch einen anderen göttlichen Ort gab, den der Mensch sich nicht vorstellen kann.
Wir finden in diesen Anfangssätzen der Genesis und im weiteren Verlauf der Kapitel 1 und 2 einige „Doppel- oder sogar Dreifachbedeutungen“ von Dingen:

1. „Licht“
Am ersten Tag spricht Gott, der doch selbst Licht ist, wie Johannes sagt, „Fiat lux!“ — „Es werde Licht!“, aber am vierten Tag erschafft er erst die Leuchten am Himmel, die uns sichtbares Licht spenden. Und bevor die Gestirne da sind, lässt er aus der Erde bereits das Gras sprießen. Der erste Tag ist ein Tag, an dem etwas getrennt wird: das neu erschaffene Licht von der vorhandenen Finsternis. Drei Arten von „Licht“ stehen im Raum: Gott selbst, der das Licht in Person ist, das Licht des ersten Tages und die Leuchten des vierten Tages, die erst den Tag und die Nacht „regieren“. Im Epheserbrief lesen wir, dass alles, was dem Licht Gottes in Christus standhält und sich zeigt, selbst Licht ist: „Omne enim, quod manifestatur, lumen est.“ — „Alles Erleuchtete aber ist Licht.“ (Eph 5, 13b)

2. „Himmel“
Die nächste Doppelbedeutung ist die des Begriffes „Himmel“. Am ersten Tag schafft Gott „die“ Himmel, aber wo war er bis dahin gewesen? Am zweiten Tag schafft Gott das „firmamentum“, ein festes Gewölbe über der Erde, das die Wasser über und unter der Erde begrenzt und einen Luftraum ausspart über dem Erdboden, den er von den Wassern unterhalb des Firmamentes trennt. So ist auch der zweite Tag ein Tag, an dem etwas getrennt wird: „Wasser von Wasser“ und „Wasser und Trockenes“. Und obwohl es vom ersten Tag heißt, Gott habe an ihm „die“ Himmel geschaffen, heißt es am Ende des zweiten Tages, Gott habe das neu geschaffene Firmament ebenfalls „Himmel“ genannt. Vielleicht kann man aber auch den Schluss ziehen, dass „die“ Himmel die Sphäre Gottes sind, seine Gefilde, die über dem „firmamentum“ oder „oben“ sind. Die Himmelsfeste ist dem Menschen Sinnbild und Wegweiser zu den Gefilden Gottes. Wie sie beschaffen sind, wurde visionär von einigen Propheten des AT und NT und vom Diakon Stephanus geschaut. Der Apostel Paulus wurde einmal bis in den „dritten Himmel“ entrückt, in dem er „unaussprechliche Worte“ hörte (2. Kor 12, 1 ff). Und der sterbende Stephanus sah den Himmel plötzlich offen und Jesus Christus zur Rechten Gottes stehen (Apg  7, 56) Diese begnadeten Menschen sahen und hörten etwas, das normalerweise in der Begrenztheit der Sinne nicht wahrgenommen werden kann, für einige Momente. Ein Schleier wurde vor ihren Augen gelüftet. Das spricht dafür, dass das menschliche Bewusstsein für weit mehr ausgelegt wäre als wir ahnen.

3. „Wasser“
Mehrdeutig ist auch das „Wasser“: Es gibt „t’hom“, die „abyssos“, die große Tiefe, die „Urflut“, und „Wasser“ („hamajim“, „aqua“), das Gott im befriedeten Erdkreis „Meer“ nennt. Vom ungenießbaren, stehenden Meerwasser wird lebendiges, frisches, fließendes Wasser unterschieden.
Die Erde war zunächst „Tohuwabuhu“ (wüst und wirr) und von „den“ Wassern bedeckt, der „Urflut“ (hebr „t’hom“), die mit „Finsternis“ verbunden ist. Der Geist Gottes (hebr. „ruach elohim“) „schwebte“ über „den“ Wassern (hebr. „hamajim“).
Aus dieser Urflut, diesen enormen Wassermassen, schuf Gott die Erde. Die Himmel scheinen zuerst gewesen zu sein. Die Beschreibung aus der Genesis, die ich zitiert habe, lässt folgenden Sachverhalt entstehen:
Gott erschafft eine Art „Luftblase“ in den Wassern. Es ist ein Gewölbe mit einem Grund, der zunächst aus überfluteter Erde besteht, oder einem Wasserschlamm, und einem Firmament, also einer Himmelsfeste, die die Wasser davon abhält, in diese „Luftblase“ hineinzufließen. Dieses Firmament trennt uns nicht nur von der Urflut oberhalb der Erde, sondern auch von „den“ Himmeln, in denen Gott, späteren Texten des AT gemäß,  seinen Regierungssitz hat. Gott gebietet dem Wasser, das den Grund der Blase noch bedeckt, sich von dem festen Erdigen zurückzuziehen, damit die Erde als „Trockenes“ Bestand haben kann. Der Grund der Erde besteht aus Land und Urfluten-Wasser, das Gott „Meer“ nennt. Unter dem Erdboden sind ebenfalls Wasser. Aus ihnen speisen sich die Flüsse als „geklärtes“ Wasser und zugleich das wilde, ungeläuterte Meer.
Aus den trockenen Bestandteilen der Urflut, die Gott als „Land“ oder „Erde“ (hebr. „adama“) bezeichnete, schuf er am Schluss Adam und aus dessen bereits geformter Substanz schuf er Eva.
Vom Garten Eden ging ursprünglich ein Hauptstrom aus, um die Erde mit „gutem“, „geläutertem“, „lebendigem“ Wasser zu bewässern, und teilte sich in vier große Flüsse, deren Geografie uns in Gen 2, 10 ff genau beschrieben wird. Dass wir sie dem, was wir heute kennen, nicht mehr genau zuordnen können, liegt daran, dass die Erde, das Land nach der Sintflut zur Zeit des Urururenkels Noachs „geteilt“ (Gen 10, 25), vermutlich als die eine Landmasse auseinandergerissen und im ungeläuterten Meer verteilt wurde.
Die Erzählung von der Sintflut in Gen 7 erklärt den Vorgang dieses Weltuntergangs aus der Beschreibung der Schöpfung in Gen 1:
„11 (b) An diesem Tag brachen alle Quellen der gewaltigen Urflut auf und die Schleusen des Himmels öffneten sich.
12 Der Regen ergoss sich vierzig Tage und vierzig Nächte lang auf die Erde.“
„T’hom“ , die „Urflut“, die „Abyssi“ brachen also auf und entließen ungeheure Wassermassen nach oben auf den Erdboden und füllten die Erde wie eine Wanne „fünfzehn Ellen über die Berge hinaus“ (V 15). Von oben regneten die Wassermassen über dem Firmament in die Erde hinein, und von unten brach die Urflut für 40 Tage ungebremst nach oben. Insgesamt also ein Szenario, das auf einer „Erdkugel mit Atmosphäre und umgebendem Hochvakuum“ schwer vorstellbar sein dürfte. Das ging so lange, bis Gott die „Schleusen“ wieder verschloss:
„2 Die Quellen der Urflut und die Schleusen des Himmels schlossen sich; der Regen vom Himmel ließ nach
3 und das Wasser verlief sich allmählich von der Erde.“ (Gen 8)

Im AT wird 36mal Bezug genommen auf die Urflut, etwa in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten, als die Rosse und Streitwagen des Pharaos im Schilfmeer versanken, während die Hebräer trockenen Fußes durch das Rote Meer wandern konnten, das ihnen eine Gasse freigab auf Geheiß Gottes. Die Kraft des Schöpfers, Trockenes und Feuchtes zu scheiden, scheint hier auf. In V 5 taucht die „Urflut“ wieder auf:
 „4 Pharaos Wagen und seine Streitmacht warf er ins Meer. Seine besten Kämpfer versanken im Schilfmeer.
Fluten deckten sie zu, sie sanken in die Tiefe wie Steine.
6 Deine Rechte, Herr, ist herrlich an Stärke; deine Rechte, Herr, zerschmettert den Feind.
7 In deiner erhabenen Größe wirfst du die Gegner zu Boden. Du sendest deinen Zorn; er frisst sie wie Stoppeln.
8 Du schnaubtest vor Zorn, da türmte sich Wasser, da standen Wogen als Wall, Fluten erstarrten im Herzen des Meeres. (Ex 15, 8)

Berühmt auch die Geschichte von Jona, dem Propheten, der nicht prophezeien, und über das Meer vor seinem Auftrag fliehen wollte, und am Ende von seinen Schiffsgenossen, die im Toben der Fluten ein Gericht Gottes über einen der Reisenden erkannten, ins Meer geworfen wurde, um dessen Aufruhr zu beruhigen (Jon 2):
„3 In meiner Not rief ich zum Herrn und er erhörte mich. Aus der Tiefe der Unterwelt schrie ich um Hilfe und du hörtest mein Rufen.
4 Du hast mich in die Tiefe geworfen, in das Herz der Meere; mich umschlossen die Fluten, all deine Wellen und Wogen schlugen über mir zusammen.
5 Ich dachte: Ich bin aus deiner Nähe verstoßen. Wie kann ich deinen heiligen Tempel wieder erblicken?
6 Das Wasser reichte mir bis an die Kehle, die Urflut umschloss mich; Schilfgras umschlang meinen Kopf.
7 Bis zu den Wurzeln der Berge, tief in die Erde kam ich hinab; ihre Riegel schlossen mich ein für immer. Doch du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf, Herr, mein Gott.“

In einem Gebet des Propheten Habakuk wird ebenfalls Bezug genommen auf diese Beschaffenheit der Erde und vermutlich den Vorgang der Sintflut (Hab 3):
 „9 (b) Du spaltest die Erde und es brechen Ströme hervor.
10 dich sehen die Berge und zittern, tosender Regen prasselt nieder; die Urflut brüllt auf und reckt ihre Hände empor.“

Und der Psalmist (Ps 77) erinnert sich der Großtaten Gottes, indem er ihn  preist als den Herrn der Urflut, der die Sintflut über alles Fleisch kommen ließ:
„17 Die Wasser sahen dich, Gott, die Wasser sahen dich und bebten. Die Tiefen des Meeres tobten.
18 Die Wolken gossen ihr Wasser aus, das Gewölk ließ die Stimme dröhnen, auch deine Pfeile flogen dahin.
19 Dröhnend rollte dein Donner, Blitze erhellten den Erdkreis, die Erde bebte und wankte.
20 Durch das Meer ging dein Weg, dein Pfad durch gewaltige Wasser, doch niemand sah deine Spuren.“

Gott fragt den klagenden Job herausfordernd (Job 38):
„16 Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen, hast du des Urgrunds Tiefe durchwandert?(…)
 30 Wie Stein erstarren die Wasser und wird fest die Fläche der Flut.

Und im Weisheitslied wird gesungen (Job 28):
„12 Die Weisheit aber, wo ist sie zu finden und wo ist der Ort der Einsicht?
13 Kein Mensch kennt die Schicht, in der sie liegt; sie findet sich nicht in der Lebenden Land.
14 Die Urflut sagt: Bei mir ist sie nicht. Der Ozean sagt: Bei mir weilt sie nicht.“

In den Weherufen über Tyrus (Ez 26) heißt es:
„19 Denn so spricht Gott, der Herr: Ich mache dich zur verwüsteten Stadt; dann wirst du wie die Städte sein, die nicht mehr bewohnt sind. Die Urflut lasse ich steigen, sodass gewaltige Wassermassen dich zudecken.“

Traditionell sind die „Städte, die nicht mehr bewohnt sind“, Sodom und Gomorrha. Wo sie einst waren, lag das „Tal Siddim, das heute Salzmeer heißt“ (Gen 14, 3). Dieses Tal war „voller Erdpechgruben“ (Gen 14, 10), in die die bösartigen Könige von Sodom und Gomorrha hineinfielen.
Es gibt sie noch als versunkene Orte. Wo sie einst waren, befindet sich das „Tote Meer“. Sein Wasserspiegel liegt ca. 400m unter dem normalen Meeresspiegel. In seinen Tiefen haben viele schon versteinerte Bäume, Gebäude und Ruinen gesehen und bezeugt.[1] Das „mare mortuum“ („Totes Meer“) oder hebr. „Jam hamelach“ („Salzmeer“) kann man als ein Mahnmal und abgesenktes Tor der lebensfeindlichen Urfluten ansehen. In der Antike nannte man dieses Meer auch „Asphalt-Meer“. Der Salzgehalt liegt teilweise bei 33%, während er bei den Ozeanen nur bei 3% liegt. Alles Meeres-Salzwasser ist für den Menschen ungenießbar. Das Tote Meer verdeutlicht diese Tatsache durch ein Extrem. Es ist kein lebendiges Wasser, dessen Genuss Leib und Seele zu beleben vermag. Das Tote Meer ist eine Pforte des „t’hom“.

In den Weherufen über Ägypten spricht Gott (Ez 31) auch einen Fluch aus, der den totalen Wasserentzug und das Vertrocknen und Verwüsten bedeutet. Aus dem „t’hom“ generiert Gott geläuterte und lebendige Wasser, die durch die Sünde aber versiegen können:
„15 So spricht Gott, der Herr: Wenn die Zeder in die Unterwelt stürzt, dann lasse ich die Flut in der Tiefe versiegen, ich decke sie zu; ich halte ihre Ströme zurück, sodass der Reichtum an Wasser versiegt.“

Dieser Befund ist zunächst, was den Bestand der Erde aus und im Wasser betrifft, eindeutig. Himmel und Erde sind insgesamt umgeben von den Urfluten. Aber die Urflut schwappt auch hinein oder hinauf auf die Erde. Und alles, was auf der Erde ist, wurde aus Bestandteilen dieser Urflut geschaffen. Gott hat schon begonnen, aus ihr segensreiches, lebendiges Wasser zu generieren. Aber das Wasser kann immer wieder zurückfallen in eine negative, chaotische Programmierung oder besser „De-Programmierung“ in diesem Äon. Gott hat aus der Nicht-Ordnung, dem „t’hom“ heraus Ordnungen geschaffen. Im „t’hom“ ist keine Weisheit, heißt es im Buch Job (s.o.). Es bleibt im Geheimnis, warum das so ist und was es uns andeutet. Das Ziel aber wird sein, dass dieses „t’hom“ „nicht mehr sein wird“ (s.u.). Man kann daraus den Eindruck gewinnen, Gott habe den Menschen von Anfang an in einen Erlösungsplan gestellt, der eine weit größere Dimension hat als nur den Sündenfall des Menschen selbst.
Das heißt hinsichtlich der Kosmologie:
Um uns herum ist kein „Vakuum“, in dem andere Gestirne Lichtjahre entfernt herumkreisen, sondern um unsere Schöpfung herum ist die Urflut. Die Gestirne sind, wie ich es aus Gen 1 zitiert habe, von Gott ans Firmament  gesetzt und „Lichter“ oder „Leuchten“. Hebräisch heißen sie „me’orot“. Das bedeutet „Leuchtkörper“. Sie leuchten demnach alle selbst und keiner ist, wie man es so oft behauptet, „Reflektor“ eines anderen. Der hebräische Begriff schließt förmlich aus, dass es sich um Reflektoren handeln könnte. Die oft für einen einzigen Leuchtkörper verwendete Pluralform weist darauf hin, dass es sich um einen Körper handelt, der in sich mehrfältig leuchtet. Wie genau sie leuchten, nach welcher „Technik“, wird uns aber hier nicht weiter ausgeführt.
Diese Ordnung wollten die Menschen vor der Sintflut auch nicht glauben. Sie verlachten Noach und anschließend nützte ihnen der kollektive Spott nichts — alle gingen sie unter und vergingen, als das Wasser, das sie nicht für möglich gehalten hatten, von unten und oben über sie kam. Die Überlieferung, die viele Christen kennen, nach der Sintflut hätten sich Meere vertieft und Berge erhoben, kann man auch in Bezug setzen dazu, dass diese Schlammflut wesentlich mehr „trockene Partikel“ aus dem Schlamm in die Erde hineingespült hat, aber zugleich nach unten in die Tiefen hinein weggebrochen sein könnte.
Nach der großen Flut sagte Gott nach dem Bericht der Genesis (9, 11 ff):

„11 Ich habe meinen Bund mit euch geschlossen: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.
12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen:
13 Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde.
14 Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken,
15 dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch vernichtet.“

Gott verspricht allen Wesen, die durch Wasser vergehen können, dass er nicht noch einmal durch eine solche Entfesselung der Urfluten alles Leben vernichten will. Das Bundeszeichen, der Regenbogen, steht nach wie vor in den Wolken — es hat sich demnach die Beschaffenheit von Himmel und Erde grundsätzlich und die Urflut nicht geändert, andernfalls könnte Gott den Regenbogen ja nun weglassen.

Die Gründe für die Sintflut lagen in einer Vermischung der Engel mit dem Menschen, die ungeheure Sünde und Gewalt nach sich zog, um deretwillen der Bestand der Menschheit sowohl genetisch als auch im Sinne eines Lebens in Frieden gefährdet war. Auch die Beziehung zwischen Tier und Mensch müssen von Grausamkeit geprägt gewesen sein. Gott droht den Tieren nach der Sintflut an, dass sie in Schrecken vor dem Menschen leben müssten, für jeden Mord an einem Menschen ebenfalls geradestehen müssen im Gericht und vom Menschen gegessen werden dürfen mit Ausnahme des Blutes. Den Blutgenuss hat Gott ausdrücklich für die gesamte Menschheit nach der Sintflut verboten (Gen 9). Dieses Urgebot hat die frühe Kirche ausdrücklich auf dem ersten Apostelkonzil noch einmal auch für alle Heidenchristen bestätigt (Apg 15, 20). Die mittelalterliche Kirche meinte, die habe das Recht, dieses Urgebot aufzuheben, obwohl es von den Kirchenvätern (Justin der Märtyrer, Clemens von Alexandrien, Tertullian, Cyrill von Jerusalem, Cassian, um nur einige zu nennen) als allgemeines und absolutes Gottesgebot angesehen worden (selbst noch Papst Calixtus II. wiederholte den Verbot des Blutgenusses 1120 für die ganze Kirche!) und bis zum Beginn der Scholastik in der weströmischen Kirche auch auf mehreren Konzilien bestätigt worden war. Die orthodoxen Kirchen halten daran bis heute fest und einige evangelikale Gruppen.[2] Im Blut, so lehrt das AT, sei „das Leben“. Das Leben gehört nur Gott allein. Wer das Leben eines anderen Wesens aus Fleisch säuft, vergeht sich an Gott selbst. Das Blut gemahnt an die Urflut und die Beschaffenheit der Fleischwesen aus Wasser und trockenen Bestandteilen, die Gott lebendig gemacht hat. Das Urverbot des Blutgenusses hat einen tiefen Sinn und Zusammenhang mit der Urflut, dem Odem Gottes und der Schöpfung des Fleisches aus dem Wasser.

Der Bestand der Urflut im kosmologischen Heilskontext wird an einem kultischen Detail im salomonischen Tempel sichtbar: Im Tempel wird ein „Meer“ als Kultgegenstand genutzt, ein Sinnbild der Urfluten. Im 2. Chronikbuch heißt es in Kapitel 4:

„2 Dann machte er das «Meer». Es wurde aus Bronze gegossen, maß zehn Ellen von einem Rand zum andern, war völlig rund und fünf Ellen hoch. Eine Schnur von dreißig Ellen konnte es rings umspannen.
3 Unterhalb seines Rands waren rundum Bilder von Rindern. In einem Band von dreißig Ellen Länge umsäumten sie das Meer ringsum in zwei Reihen. Sie wurden bei seinem Guss mitgegossen.
4 Das Meer stand auf zwölf Rindern. Von ihnen schauten drei nach Norden, drei nach Westen, drei nach Süden und drei nach Osten. Das Meer ruhte oben auf den Rindern. Ihre Hinterteile waren nach innen gekehrt.
5 Die Wand des Meeres war eine Handbreit dick. Sein Rand war wie der Rand eines Bechers geformt, einer Lilienblüte gleich. Es fasste dreitausend Bat.
6 Auch machte er zehn Kessel, von denen er fünf an die Südseite und fünf an die Nordseite brachte. Sie dienten für die Waschungen; was zum Brandopfer gehörte, sollte man in ihnen abspülen. Das Meer war für die Waschungen der Priester bestimmt. (…)
10 Das Meer stellte er an die Südseite des Hauses gegen Südosten. (…)“

Der Ort des „Meeres“ erhält später einen genaueren Sinn, ebenso auch seine Funktion für kultische Reinigungen der Opfergeräte und der Opferpriester (s.u.).
Die protestantische Theologin Michaela Bauks schreibt dazu:

„Das Urmeer spielt nicht nur beim Weltbeginn, sondern auch im Zuge des Nachdenkens über die Endzeit (…) eine wichtige Rolle. In der Jesaja-Apokalypse findet sich der mit dem ugaritischen Text KTU I 1.5 1ff. verwandte Text Jes 27,1. An einem von JHWH erwählten Tag treten Meer und Chaosdrachen als Feinde Gottes auf, die sich Gottes Herrschaft ergebnislos entgegen stellen, woraufhin eine neue Ära folgt (vgl. Dan 7,1-14; Apk 13,1), in der es das Urmeer in neutestamentlicher Vorstellung nach der erwarteten Neuschöpfung von Himmel und Erde nicht mehr geben wird (Apk 21,1). In Sach 14,6-9 ist die Chaosmotivik verkehrt, indem nämlich hoffnungsvoll davon die Rede ist, dass am Tag JHWHs lebendiges Wasser aus Jerusalem fließen wird (der segensstiftende Charakter der תְּהוֹם təhôm findet sich auch in Gen 49,25).“[3]

Die Wendung, dass aus dieser chaotischen Urflut, dem „t’hom“ auch Segen erwachsen soll, findet sich als Motiv im AT vom „lebendigen Wasser“ oder „frischen Wasser“, von entspringenden Quellen und Flüssen in Gärten und am Tempel Gottes, aber auch im „Gerettetwerden aus dem Wasser“ und im NT in der Taufe wieder. In der rabbinischen Interpretation steht die Urflut, wie sie im AT gezeichnet wird, für die Gottfeindlichkeit und das Chaos, im letzten Ende für das Böse. In den zitierten Schriftstellen in diesem Text steht das Urwasser oder Meer Gott entgegen und muss von ihm gebändigt werden. Es ist Nicht-Ordnung, Nicht-Schöpfung, wird von Gott begrenzt und von der Schöpfung zurückgehalten, versucht aber immer wieder in ihr dann aufzubegehren, wenn Menschen sich von den Ordnungen Gottes entfernen. Die Sünde des Menschen löst unmittelbar die Schöpfungsordnung auf bzw „zerstört die Natur“ (wie man heute sagen würde). Als ein heftiger Wind Jesus und die Jünger auf dem See in den Aufruhr der Wasser geraten ließ und ihr Boot bereits unter Wasser stand und Jesus immer noch schlief, als sei nichts geschehen, erhob sich Jesus zuletzt doch aus dem Schlaf und gebot dem Aufruhr, und die verstörten Jünger fragten: „Was ist das für ein Mensch, dass sogar die Winde und das Wasser seinem Befehl gehorchen?“ (Lk 8, 25) Eine Bevölkerung von Orten, die sich gegen die Ordnungen Gottes stellt, kann auch nach der Sintflut mit einer Flutung durch das „t’hom“ rechnen, wie uns der Untergang Sodoms und Gomorrhas und die Weherufe über Tyrus gezeigt haben. Der Zusammenhang scheint in der Vorzeit allen Menschen bekannt gewesen zu sein. Auch die heidnische Mythologie kennt Mythen von versunkenen Städten („Atlantis“). Das christliche Abendland kennt sogar Mythen von versunkenen Kathedralen.[4] Der buchstäbliche „Untergang“ von Städten und Kulturen gemahnt uns auch in der deutschen Sprache noch an die Sicht unserer Vorfahren auf das, was dabei geschieht: etwas versinkt im Meer, im Abgrund und wird nicht mehr gesehen.

In der jüdischen Tradition ist die Urflut Brackwasser, durchsetzt von lebensfeindlichen Partikeln, Schlammwasser, Salzwasser, ungenießbar und lebensfeindlich. Von größter symbolischer Bedeutung daher, dass die Israeliten durch ein solches Chaosmeer („Schilfmeer“) aufgrund des Befehls Gottes über den Fluten trockenen Fußes hindurch schreiten konnten, gleich danach aber erlebten, wie die Fluten ihre Macht zurückeroberten und die Ägypter verschlangen. Auf einem Schilfrohr reicht man dem sterbenden Jesus später ungenießbare Flüssigkeit, als ihn dürstet — welch eine tiefe Symbolik steckt in diesem einen Detail!
Die rabbinische Literatur stellt dem Brackwasser des „t’hom“ das „lebendige Wasser“ gegenüber, das den Durst der Lebendigen stillen kann und identisch mit dem „Wort Gottes“ ist.[5] Es gibt so etwas wie geläutertes oder geklärtes Wasser, geheiligtes Wasser. Symbolhaft scheint auch die Scheidung von sterblichen Blutpartikeln und Wasser aus der Seite Jesu am Kreuz auf, und der Gesang „Vidi aquam (egredientem de templo a latere dextro…)“ („Ich sah Wasser (hervortreten aus dem Tempel von der rechten Seite…)“), der in der Osterzeit gesungen wird und die Visionen in Ez 47 aufgreift, weist auf das lebendige Wasser hin, das aus der Urflut geläutert wird. Ezechiel sah unter der Tempelschwelle lebendiges Wasser hervorfließen, etwa da, wo im salomonischen Tempel das „Meer“ stand:

 „1 Dann führte er mich zum Eingang des Tempels zurück und ich sah, wie unter der Tempelschwelle Wasser hervorströmte und nach Osten floss; denn die vordere Seite des Tempels schaute nach Osten. Das Wasser floss unterhalb der rechten Seite des Tempels herab, südlich vom Altar.
2 Dann führte er mich durch das Nordtor hinaus und ließ mich außen herum zum äußeren Osttor gehen. Und ich sah das Wasser an der Südseite hervorrieseln.
3 Der Mann ging nach Osten hinaus, mit der Messschnur in der Hand, maß tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis an die Knöchel.
4 Dann maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis zu den Knien. Darauf maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich hindurchgehen; das Wasser ging mir bis an die Hüften.
5 Und er maß noch einmal tausend Ellen ab. Da war es ein Fluss, den ich nicht mehr durchschreiten konnte; denn das Wasser war tief, ein Wasser, durch das man schwimmen musste, ein Fluss, den man nicht mehr durchschreiten konnte.
6 Dann fragte er mich: Hast du es gesehen, Menschensohn? Darauf führte er mich zurück, am Ufer des Flusses entlang.
7 Als ich zurückging, sah ich an beiden Ufern des Flusses sehr viele Bäume.
8 Er sagte zu mir: Dieses Wasser fließt in den östlichen Bezirk, es strömt in die Araba hinab und läuft in das Meer, in das Meer mit dem salzigen Wasser. So wird das salzige Wasser gesund.
9 Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden (die Fluten) gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.“

In Johannes 7 identifiziert Jesus das geläuterte Wasser mit dem Heiligen Geist. Jeder, der von seinem Wasser trinkt, wird selbst zu einer nie versiegenden Quelle lebendigen Wassers:
„37b Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke,
38 wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.
39 Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.“

In der Episode am Jakobsbrunnen sagt Jesus zu einer samaritanischen Frau die überaus berührenden und unsterblichen, mit der vorigen Stelle übereinstimmenden Sätze:
„10 Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.
11 „Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser?
12 Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?
13 Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen;
14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.
15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!“ (Joh 4)

Gott rettet seine Getreuen aus dem Toben der Urfluten — ob Noach, den er aus der Sintflut rettet und zum neuen Stammvater aller Menschen macht, ob es Mose ist, den er aus dem Nil retten lässt (Ex 2, 3) mithilfe einer kleinen Mini-Arche, die seine Mutter Jochebed aus Schilfrohr flocht und am Ende verpichte und dabei Gott nachahmte, der einst selbst die große Arche hinter Noach zuschloss (Gen 7, 16), und dessen Name, den ihm die Tochter des Pharaos gibt, laut Schriftwort heißt „Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen“ (V 10), Mose also, der später auf dem Sinai das Gesetz empfangen würde, oder ob es Jona ist (s.o.), oder ob es Job ist, dem sein Freund Eliphas schlimme Sünden unterstellt und dem von trockenen Geschwüren geplagten Mann vor Augen hält:
„10 Deswegen liegen Fallstricke rings um dich her und jäher Schrecken ängstigt dich
11 oder Dunkel, worin du nicht siehst, und Wasserflut, die dich bedeckt. (Job 22)

In Ps 28 (29), 3 lobt David den Herrn folgendermaßen:
Vox Domini super aquas ; Deus majestatis intonuit ; Dominus super aquas multas. (…) Dominus diluvium inhabitare facit, et sedebit Dominus rex in æternum.“ — „Die Stimme des Herrn klingt über den Wassern ; der Gott der Herrlichkeit donnert; der Herr über gewaltige Wasser. (…) Der Herr wohnte über der Sintflut, und der Herr thront als König in Ewigkeit.“
Das „diluvium“, hebräisch „mabul“, bedeutet die „große Flut“, die Sintflut. „Mabul“ hängt etymologisch mit „b’lal“ zusammen, dem Verb für „vermischen/verwirren“. „Mabul“ knüpft auch an das „Tohuwabohu“ des Anfangs an, die „Wirrsal“ (wie Buber sie nennt). Die Wasser, das „t’hom“, bedeutet Verwirrung und Vermischung. Schöpfung aber bedeutete, wie wir bereits sahen: trennen, ordnen. Der Herr ist trotz allem König über das Verwirrte und Vermischte, über das Durcheinander und Chaos.

Zuletzt sehen wir Jesus über das Wasser gehen, und der ängstliche, kleingläubige Petrus, der es ihm nachmachen könnte, versinkt in den Fluten, eben weil er nicht glaubt (Mk 6, 45 ff).

Die Taufe knüpft an all diese Bedeutungen an: sie ist Rettung aus der Flut und zugleich Läuterung von dieser Flut, sie führt zum frischen Wasser Jesu und macht den Getauften zum Empfänger des Heiligen Geistes und infolgedessen zum Quell lebendigen Wassers. Er ist eine erneute Schöpfung aus dem durch den Heiligen Geist lebendig „programmierten“ Wasser.

Am Ende der Zeiten wird das „Tier“, der Antichrist, „aus dem Meer aufsteigen“ (Apk 13, 1). Wenn der Satan und die Seinen überwunden sind, wird es das Meer nicht mehr geben:
„Das Meer ist nicht mehr.“ (Apk 21, 1)
Im nächtlichen Dialog mit dem Pharisäer Nikodemus sagt Jesus den geheimnisvollen Satz:
„Amen, amen dico tibi, nisi quis renatus fuerit ex aqua, et Spiritu Sancto, non potest introire in regnum Dei.“ — „Wahrlich, ich sage dir : wenn einer nicht wiedergeboren wird aus Wasser und dem Heiligen Geist, kann er nicht ins Reich Gottes eintreten.“
Aus dem Wasser als Chaos-Element, das durch den Geist geordnet und zurückgewiesen wird, muss der Mensch, der wie die ganze Schöpfung aus dem Wasser geschaffen wurde, wiedergeboren werden.
Jede Taufe ist eine Neuprogrammierung der Urflut und Begrenzung ihrer chaotischen Macht.

Das Wasser spielt ganz eindeutig eine gewaltige kosmologische und heilsgeschichtliche Rolle. Mit dem derzeit gängigen und auch von der Kirche vertretenen Weltbild wird diese Rolle jedoch so sehr verfehlt, dass wir uns in extreme Verrenkungen versteigen müssen, um all jene Schriftstellen überhaupt noch irgendwie „einordnen“ zu können. Insbesondere die Taufe hat im Grunde ihren tiefen und existentiellen Sinn durch das falsche Weltbild in der Kirche verloren. Wie so vieles hat sie keinen handgreiflichen Sinn mehr und wer nicht oberflächlich ist, mag sich einem oberflächlichen Sinn nicht anschließen und lässt seine Kinder gleich gar nicht mehr taufen. Die Einengung des Verständnisses auf ein „Reinigungsbad“ in einem moralistischen Sinn, erscheint den meisten Menschen mit Recht unannehmbar.

Mit der „kopernikanischen Wende“ ist uns das Verständnis für das, was die Kirche glaubt, immer mehr weggebrochen, und der mittelalterliche, nachträglich zur „zweiten Heiligen Schrift“ aufgebaute Thomas von Aquin hat dafür das „grüne Licht“ gegeben. Versuche, das „moderne wissenschaftliche Weltbild“ mit der tradierten Kosmologie zu versöhnen, obwohl letztere in der katholischen Kirche seit mindestens 1000 Jahren bereits stark in Frage gestellt ist, haben zu grandiosen philosophischen Leistungen geführt, die in der Kirche zunächst misstrauisch beäugt, aber sehr schnell rehabilitiert worden sind. Zentrales Beispiel dafür ist das Werk Teilhard de Chardins SJ, das vor allem von Spezialisten eingehender rezipiert wird. Ob ein solcher Versuch mit seinem gewaltigen Verfremdungsstoff wirklich dem Glauben dient, kann man angesichts der Verwüstungen in der Kirche mit Recht bezweifeln. Es hat neben vielem ähnlichen dazu beigetragen, den Glauben zu demontieren, die Menschen zu überfordern und zu verwirren, konnte aber nichts Stabiles aufrichten.
Wer das Glaubensgut einer jeweiligen wissenschaftlichen Mode unterwirft, nur um die Zeitgenossen nicht zu provozieren oder sich selbst nicht dem Spott auszusetzen, der darf sich nicht wundern, wenn der Glaube verloren geht und quasi „in den Urfluten versinkt“. Hätte Noach so argumentiert wie Thomas von Aquin an dieser Stelle (vgl. Fake Heavens III), wäre er nicht in der Arche gerettet worden.


[1] Sodom und Gomorrha. Suche unter Wasser. In: Der Spiegel, Ausgabe vom 20.4.1960. Online hier: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43065475.html (30.9.2017)
[2] Darüber berichtet knapp Gen 6, 1ff. Ausführlicher finden wir dazu Berichte in den ersten Kapiteln des äthiopischen Henochbuchs. Zum Verbot des Blutgenusses eine Zusammenfassung hier: https://hausgemeinde.files.wordpress.com/2016/03/gilt-das-blutverbot-immer-noch.pdf
[3] Michaela Bauks: Urmeer. Erstellt 2010. Permalink: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/33915/
[4] Claude Debussys Klavierstück „La Cathédrale engloutie“ (Die versunkene Kathedrale) geht auf einen bretonischen Mythos von der versunkenen Stadt Ker Ys zurück, die bei Douarnenez gelegen haben soll und bei der ein christlicher König seine Tochter dem Aufruhr der Fluten geopfert haben soll — allerdings ohne dauerhaften Erfolg.
[5] Dazu eine lesenswerte Studie von Karl-Heinrich Ostmeyer: Taufe und Typos: Elemente und Theologien der Tauftypologien in 1. Korinther 10 und 1. Petrus 3. Tübingen 2000 , S. 72ff